Die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von
Armutshaushalten (kurz: GESA) wurde Mitte 1998 der Öffentlichkeit präsentiert.
Auf kommunaler, überregionaler und fachwissenschaftlicher Ebene
berichteten die Verfasserinnen über ausgewählte Ergebnisse der
qualitativen Untersuchung. Im Verlauf der Ergebnispräsentationen wurde
deutlich, dass die Studie einerseits als bis dahin fehlender Beitrag zur
Thematik Armut, Ernährung und Gesundheit angenommen wurde, andererseits
die Ergebnisse jedoch verzerrt und widersprüchlich wahrgenommen wurden.
Herrschende Vorurteile über das Verhalten von Sozialhilfeempfängern
wurden auf die Studie übertragen. Die kommunale Politik schaltete sich in
die öffentliche Debatte ein. Kurzum: Seit Veröffentlichung der Arbeit
sind Reaktionen umfangreich, kontrovers und emotional aufgeladen. Zur
Erfassung der unterschiedlichen Wahrnehmung aus fachwissenschaftlicher und
laienhafter Perspektive (konstruktivistische Theorie Wahrnehmung von
Wirklichkeit) werden in diesem Beitrag Reaktionen aus der Pre- und
Postphase der Studie dargelegt
Beispiele zu den Reaktionen aus der Pre- und Postphase:
Das Sozialdezernat der Stadt Gießen mußte als Auftraggeber schon im
Vorfeld der Studie herbe Kritik von Seiten der politischen Opposition in
Kauf nehmen. Ein an alle Gießener Haushalte verteilter Handwurfzettel
informierte, die Stadt würde für eine derartige Untersuchung
"Gelder zum Fenster rausschleudern." Es sei bekannt, "dass
sich diese Familien ausschließlich von Chips und Fertiggerichten ernähren
würden!" Nach Pressegesprächen titelten die Lokalzeitungen:
"Brot statt Brokkoli, Günstiges statt Gesundes" und
"Wurstbrot statt Lachshäppchen" und "Kein Geld, keine
Vitamine". Dadurch fühlten sich Bewohner aus dem Stadtteil, in dem
die Erhebung durchgeführt wurde, derart diffamiert, dass ein
vorwurfsvoller Leserbrief mit dem Titel "Wir sind doch keine
Neandertaler" an die Presse ging. Darin boten sie der Durchführenden
an, "eine Lektion in Kochen und Backen mit sehr gesundem Gemüse,
Fleisch, Salaten usw. zu erteilen". Auf Publikationen folgten anonyme
Briefe, in denen sich Mitbürger aufgebracht über das Verhalten von
Sozialhilfeempfängern äußerten: "...Wer nicht arbeitet, soll auch
nicht essen...", "... das Lotterleben der
Sozialschmarotzer...", "...die Stütze wird versoffen,
verraucht, für Drogen mißbraucht, zweckentfremdet und die armen Kinder
bleiben auf der Strecke..."
Andere Resonanzen bestätig(t)en die Ergebnisse der GESA: "...Ihre
Ergebnisse unterstützen meine Arbeit als Sozialarbeiterin...",
"...viele Menschen sind nicht in der Lage, eine Planung über mehrere
Wochen im Voraus zu machen weder die Einteilung der Geldmittel noch
der Lebensmittel ist ihnen möglich..."
Die Weiterarbeit an der Thematik Armut, Ernährung und Gesundheit
hinsichtlich einer Armutsprävention zur Stärkung von Ernährungs- und
Haushaltsführungskompetenzen der Betroffenen wird gefordert und derzeit
umgesetzt. Nach Angaben des Gießener Sozialdezernats werden die
Ergebnisse der Studie in die Gemeinwesenarbeit einfließen. Eine feste
Verankerung der Ernährungsberatung für die Betroffenen werde angestrebt.
Fazit:
Bei einem derart sensiblen Thema wie Armut und Ernährung ist mit einer
emotional aufgeladenen Debatte zu rechnen. Der Diskurs ist von Anbeginn an
anzustreben, um die unterschiedlich rezipierten Reaktionen aufzuarbeiten
und Wirklichkeit zu schaffen. Daraus ableitend ergibt sich, dass die
Thematik als solche in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu
sehen und einzuordnen ist.