AGEV - Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e.V.

Die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten (GESA)

Stephanie Lehmkühler, I.-U. Leonhäuser, Justus-Liebig-Universität Gießen
 
Die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten (kurz: GESA) wurde Mitte 1998 der Öffentlichkeit präsentiert. Auf kommunaler, überregionaler und fachwissenschaftlicher Ebene berichteten die Verfasserinnen über ausgewählte Ergebnisse der qualitativen Untersuchung. Im Verlauf der Ergebnispräsentationen wurde deutlich, dass die Studie einerseits als bis dahin fehlender Beitrag zur Thematik Armut, Ernährung und Gesundheit angenommen wurde, andererseits die Ergebnisse jedoch verzerrt und widersprüchlich wahrgenommen wurden. Herrschende Vorurteile über das Verhalten von Sozialhilfeempfängern wurden auf die Studie übertragen. Die kommunale Politik schaltete sich in die öffentliche Debatte ein. Kurzum: Seit Veröffentlichung der Arbeit sind Reaktionen umfangreich, kontrovers und emotional aufgeladen. Zur Erfassung der unterschiedlichen Wahrnehmung aus fachwissenschaftlicher und laienhafter Perspektive (konstruktivistische Theorie – Wahrnehmung von Wirklichkeit) werden in diesem Beitrag Reaktionen aus der Pre- und Postphase der Studie dargelegt
 
Beispiele zu den Reaktionen aus der Pre- und Postphase:
Das Sozialdezernat der Stadt Gießen mußte als Auftraggeber schon im Vorfeld der Studie herbe Kritik von Seiten der politischen Opposition in Kauf nehmen. Ein an alle Gießener Haushalte verteilter Handwurfzettel informierte, die Stadt würde für eine derartige Untersuchung "Gelder zum Fenster rausschleudern." Es sei bekannt, "dass sich diese Familien ausschließlich von Chips und Fertiggerichten ernähren würden!" Nach Pressegesprächen titelten die Lokalzeitungen: "Brot statt Brokkoli, Günstiges statt Gesundes" und "Wurstbrot statt Lachshäppchen" und "Kein Geld, keine Vitamine". Dadurch fühlten sich Bewohner aus dem Stadtteil, in dem die Erhebung durchgeführt wurde, derart diffamiert, dass ein vorwurfsvoller Leserbrief mit dem Titel "Wir sind doch keine Neandertaler" an die Presse ging. Darin boten sie der Durchführenden an, "eine Lektion in Kochen und Backen mit sehr gesundem Gemüse, Fleisch, Salaten usw. zu erteilen". Auf Publikationen folgten anonyme Briefe, in denen sich Mitbürger aufgebracht über das Verhalten von Sozialhilfeempfängern äußerten: "...Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen...", "... das Lotterleben der Sozialschmarotzer...", "...die Stütze wird versoffen, verraucht, für Drogen mißbraucht, zweckentfremdet und die armen Kinder bleiben auf der Strecke..."
 
Andere Resonanzen bestätig(t)en die Ergebnisse der GESA: "...Ihre Ergebnisse unterstützen meine Arbeit als Sozialarbeiterin...", "...viele Menschen sind nicht in der Lage, eine Planung über mehrere Wochen im Voraus zu machen – weder die Einteilung der Geldmittel noch der Lebensmittel ist ihnen möglich..."
 
Die Weiterarbeit an der Thematik Armut, Ernährung und Gesundheit hinsichtlich einer Armutsprävention zur Stärkung von Ernährungs- und Haushaltsführungskompetenzen der Betroffenen wird gefordert und derzeit umgesetzt. Nach Angaben des Gießener Sozialdezernats werden die Ergebnisse der Studie in die Gemeinwesenarbeit einfließen. Eine feste Verankerung der Ernährungsberatung für die Betroffenen werde angestrebt.
 
Fazit:
Bei einem derart sensiblen Thema wie Armut und Ernährung ist mit einer emotional aufgeladenen Debatte zu rechnen. Der Diskurs ist von Anbeginn an anzustreben, um die unterschiedlich rezipierten Reaktionen aufzuarbeiten und Wirklichkeit zu schaffen. Daraus ableitend ergibt sich, dass die Thematik als solche in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen und einzuordnen ist.


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