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Jahrestagung 2000: |
Die Deutschen Tafeln: Lebensmittelhilfe als innovative soziale Dienstleistung im Nonprofit-SektorKonstantin von Normann, Universität Bonn Einkommens- und Wohlstandunterschiede sind in Deutschland und etlichen Nachbarländern im letzten Jahrzehnt größer geworden. Ein sich daraus ergebendes Problem ist die wachsende Zahl dauerhaft in Armut lebender Menschen. Zahlreiche wissenschaft- liche Arbeiten beschreiben vor diesem Hintergrund die Auswirkungen von Armut auf die Ernährung der Betroffenen.1 In diesem Problemfeld ist im Nonprofit-Sektor eine neue Organisationsform zu beobachten: dies sind die aus privater Initiative hervor- gegangenen, in Deutschland erst seit 1993 existierenden "Tafeln". Diese Organisation hat seitdem eine bemerkenswerte Entwicklung erfahren. Im Juli 2000 arbeiten Tafeln in mittlerweile 300 Städten. 1996 wurde zudem der Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. gegründet. Die Tafeln leisten mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur Überwindung eines Teilaspekts materieller Knappheit, indem Lebensmittel, die noch einwandfrei sind, aber aus den verschiedensten Gründen entsorgt werden sollen, von fast ausschließlich ehrenamtlich Aktiven kostenlos eingesammelt und Bedürftigen unentgeltlich oder gegen ein symbolisches Entgelt überlassen werden. Primäres Anliegen der Tafeln ist es, den Ernährungsstatus ihrer Klienten zu verbessern. Diese bislang wissenschaftlich kaum beachteten, sich sehr dynamisch entwickelnden Einrichtungen werden im Rahmen eines von der ROBERT BOSCH STIFTUNG geförderten Forschungprojekts genauer untersucht. Die Studie verfolgt das Ziel, die Tafeln in das ökonomische und soziale Gefüge Deutschlands einzuordnen, ihr Entstehen zu erklären und ihre Funktion für die Gesellschaft und das Individuum zu analysieren. Dabei sind neben der Struktur und den Entwicklungsmöglichkeiten der Organisationen insbesondere die Motivstrukturen und Handlungsmuster der Gebenden, also der Tafelmitarbeiter und der Sponsoren aber auch die Auswirkungen der Arbeit der Tafeln auf die Klienten von Interesse. Aktuell tragen täglich etwa 8000 Tafelhelferinnen und helfer zur Versorgung von rund 140 000 Bedürftigen bei. Erste Ergebnisse zeigen, daß das Spektrum der Hilfsangebote vom Verteilen von Lebenmitteln aus Kraftfahrzeugen bis zur Ausgabe von Warmverpflegung in eigenen Speisesälen reicht. Viele Bedürftige sind "Stammkunden". Das Angebot erreicht dabei Obdachlose genauso wie Arbeitslose oder Aussiedler. Die Tafeln leisten durch die Abgabe von Obst, Gemüse und Brot sowie von Milch und Milchprodukten einen ernstzunehmenden Beitrag zur Sicherung oder Verbesserung des Ernährungszustandes der Bedürftigen. So wird vor allem Kindern (ihr geschätzter Anteil an den Bedürftigen liegt bei etwa 50 Prozent2) eine Lebensmittelvielfalt präsentiert, die sie von zu Hause vielfach nicht kennen. An diesem Beispiel wird deutlich, daß die Arbeit der Tafeln auch einen positiven Beitrag zur Veränderung des Ernährungsverhaltens von Problemgruppen in Deutschland leistet.
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