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Jahrestagung 2000: |
22. Wissenschaftliche Jahrestagung der AGEV Tagungs-BerichtBei der Entstehung chronischer Erkrankungen ist die deutliche Rolle der Ernährung unbestritten. Doch, obgleich das Lebensmittelangebot in unserer Zeit so sicher, so preiswert und so qualitativ hochwertig ist wie noch nie, bleiben ernährungsbeeinflusste Erkrankungen ein gesellschaftlich relevantes Gesundheitsproblem. Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten hatte zur Zielsetzung, ausgehend von der aktuellen Situationsbeschreibung die Ernährungsziele unserer Gesellschaft darzustellen und im interdisziplinären Zusammenhang zu diskutieren, um daraus Schlussfolgerungen für die Ernährungswissenschaft aber auch für die Ernährungspolitik abzuleiten. Mit den Daten des kürzlich veröffentlichten Ernährungs- bzw. Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts in Berlin wurde ein Überblick über die aktuelle Situation vorgestellt. Die repräsentative Befragung ergibt, dass im Vergleich zu früheren Studien das Ernährungsverhalten der Befragten Entwicklungen in Richtung einer gesundheitsbewussteren Ernährung aufweist; aber noch immer haben 20% der Erwachsenen einen Body Mass Index über 30, etwa 33% weisen einen Serumcholesterinwert über 250 mg/dl auf und 33% im Westen sowie etwa 40% im Osten Deutschlands leiden an Bluthochdruck. "Offizielle" Ernährungsziele Deutschlands lassen sich aus den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr (März 2000) der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) (erstmals zusammen mit der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsforschung und der Schweizerischen Vereinigung für Ernährung) ableiten. In Erweiterung der bisherigen DGE-Publikationen wurde zusätzlich zu den numerischen Werten ein Kapitel "Präventive Aspekte von Nährstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen" aufgenommen. Im Zusammenhang mit den Ergebnissen des Gesundheitssurvey wird deutlich, dass die Verhütung von nährstoffspezifischen Mangelerkrankungen mehr in den Hintergrund tritt zu Gunsten der Betrachtung von gesundheitlich unbedenklicher Zufuhrhöchstmengen. Denn etwa 40% der Männer und 50% der Frauen nehmen mehr oder weniger regelmäßig Nahrungssupplemente zu sich (v. a. Vitamine), so dass die Zufuhr z. T. deutlich über den Empfehlungen liegt. Angesichts dieser Tatsache wird die lückenhafte Kenntnis bezüglich unerwünschter Effekte einer Nährstoffüberdosierung zu einem Problem. Nur für die Vitamine A, D, E und C können wissenschaftlich fundierte Höchstmengen (i. S. safe upper intake level) angegeben werden. Insgesamt besteht jedoch ein Forschungsdefizit, das gilt gleichermaßen insgesamt für ernährungswissenschaftliche Fragestellungen. Für die Ernährungsverhaltensforschung ist es von Interesse, ob sich die jeweiligen Referenzwerte praktisch (auf dem Teller) umsetzen lassen. Auf der Tagung wurden erste Berechnungen eines Computerprogramms vorgestellt, die eine "essbare Übertragung" demonstrierten. Die so zusammengestellte Kost besteht zu einem überwiegenden Teil aus pflanzlichen Lebensmitteln, was weitgehend der allgemeinen Empfehlung entspricht. Im präventiven Bereich (Public Health) müssen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichem Handeln zusammen wirken. Die auf der Tagung präsentierten vielfältigen Erfahrungen aus Interventionsprojekten der verschiedensten Bereiche belegen beeindruckend, dass es durchaus möglich ist, Ergebnisse der Ernährungsforschung konkret umzusetzen und Veränderungen im Ernährungsverhalten auch auf der Populationsebene zu bewirken. Andererseits sind Erfolge derartiger Aktivitäten häufig durch mangelnde strukturelle Bedingungen und Kooperation begrenzt. Auch wenn es Stiftungen gibt, die vornehmlich quer zu den disziplinären Strukturen der Wissenschaft Projekte für Gesundheit (und Ernährung) fördern, so fehlt es oftmals an finanziellen Ressourcen bzw. an Unterstützung durch zuständige Institutionen (Ministerien etc.), so dass viele der Aktivitäten zu kurz greifen oder zu früh beendet werden müssen. Manchmal fehlt es aber auch im Bereich der richtigen Auswahl der Interventionsinstrumente (Methode). Es ist bekannt, dass auf der kognitiven Ebene allein Verhaltensänderungen nicht zu erreichen sind. Es sollten verstärkt eine mehrperspektivische Sichtweise, die positive Aussage als Alltagshandlungsalternative, Lebensstile und die Genussorientierung berücksichtigt werden, um die Diskrepanz zwischen "Kopf und Bauch" beim Adressaten zu überwinden. Projekte müssen das Verhalten von verschiedenen Individuen und Verhältnisse auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen adäquat berücksichtigen, traditionelle Grenzen überschreiten, die ganze Ernährungskette vom "Acker bis zum Teller" integrieren und von allen Akteuren im Bereich Gesundheitsförderung - nicht als isolierte Einzelaktionen - gemeinsam getragen werden. Aus historischer Betrachtung ist interessant, dass die Ernährungsziele des 20. Jahrhunderts aus naturwissenschaftlicher Sichtweise (optimale stoffliche Versorgung der kalorischen Verbrennungsmaschine Mensch) resultierten. Gleichwohl wurden sie aber auch für die politischen Projektionen der jeweiligen Zeit genutzt bzw. missbraucht. Die seit Mitte des Jahrhunderts einsetzende Entpolitisierung der Ernährungsziele begründete sich auf die Zunahme des Lebensstandards und des damit verbesserten Gesundheitsstatus der Bevölkerung. Durch den Wandel von der Regulierung des Mangels zu der des Überflusses muss vor dem Hintergrund der wachsenden Kosten im Gesundheitswesen in der heutigen Zeit "die richtige Ernährung" wieder zu einem politischen Ziel werden. Aber es scheint, als ob weniger die Gesundheit sondern nur die Vermeidung von Krankheit auf der Fahne geschrieben steht. Das hat zur Folge, dass - auch aus vielfältigen ökonomischen Interessen heraus - eher die Lebensmittel geändert (Functional Foods) als Anstrengungen unternommen werden, das Verhalten der Menschen bzw. deren Verhältnisse zu ändern. Die Ernährungsprobleme der Menschen sind weitgehend bekannt. Es sind einerseits die Resultanten aus genetischer Disposition und umweltbedingten Faktoren. Zum Anderen prägen soziokulturelle Aspekte das tatsächliche Verhalten, denn Essen ist eins der zentralen Elemente zur Identitätsentwicklung. Die naturwissenschaftlich orientierte Ernährungsforschung wird zukünftig schwerpunktmäßig die Interaktion des menschlichen Genoms mit der Ernährungsumwelt betrachten müssen, um ein neues Bild des komplexen Stoffwechselgeschehens entwerfen zu können. Da die Grenzen zwischen den Produkten der Pharma- und Lebensmittelindustrie weiter verwischen, müssen Forschungsaktivitäten gestärkt werden, die klar die Zusammenhänge auf die Sicht der Ernährungswissenschaft fokussieren. Ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse werden immer wieder von verschiedensten Interessensvertretern werbewirksam "missbraucht", um ökonomische Ziele zu erreichen, während Ernährungsaufklärung und -beratung die Ergebnisse als "Wahrheit" verstehen und sie oftmals auf der rein stofflichen Ebene erfüllen, d. h. umsetzen wollen. Es wird zu oft übersehen, dass die Naturwissenschaft eine systemimmanente Eigenlogik (verengter Forscherblick) entwickeln muss und anderseits die Epidemiologie nur Korrelationen und keine Kausalitäten ermitteln kann. Die Ernährungsproblematik in unserer Gesellschaft wird wissenschaftlich eher auf die Beachtung der psychosozialen oder medizinisch-physiologischen Determinanten des Verhaltens bei ernährungsabhängigen Erkrankungen reduziert, als dass die Aspekte der Prävention bzw. der Determinanten des "normalen" Ernährungshandelns untersucht werden. Eine Reihe von Wissenschaftsdisziplinen leisten wichtige Beiträge zur Kenntnis über Ernährungsverhalten. Doch in keinem Wissenschaftszweig nimmt das Thema eine bedeutende Position ein, sondern hat eher den Charakter von Aussenseiterpositionen: die Kulturwissenschaften (Geschichte und Volkskunde), die Ernährungspsychologie und -soziologie, die Marktforschung und die (Sozial-)Medizin (Public Health). Ernährungsverhaltensforschung ist heute geradezu polarisiert entweder naturwissenschaftlich oder sozialwissenschaftlich orientiert. Letztendlich wird jede Disziplin allein jedoch das Phänomen Mensch und Ernährung (Essen) nicht erschöpfend klären können. Es bedarf neuer fundamentaler, v. a. methodischer Überlegungen bei der Entwicklung von Ernährungszielen, die unter verantwortungsvollem Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen die disziplinären Einzelaspekte zu einer praxisorientierten und stimmigen Gesamtaussage zusammenfügen. In unserem Land ist die Gesundheit und damit prioritär die Ernährung ein gesellschaftliches Problem geworden, und dies legitimiert eine staatliche Regulierung. Ernährungsziele einer Gesellschaft müssen in einem diskursiven Prozess des Aushandelns zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (Expertenkonsens) formuliert und zu explizit politischen Zielen werden. Sie dürfen nicht interessen- sondern müssen gemeinwohlorientiert und gesellschaftlich verbindlich sein. Politische Ziele sind aber auch immer "Fragen der Macht". Und so steht - politisch gesehen - die "gesunde Ernährung" (z. B. die Kampagne '5 a day') im Machtkonflikt zwischen dem Gesundheitswesen (Public Health) einerseits und z. B. der landwirtschaftlichen Produktion (weniger Fleisch) sowie der Lebensmittelindustrie (functional foods) andererseits. Da das tatsächliche Verhalten (Essen) der Menschen eben nicht den Empfehlungen entspricht, sind Interventionsprgramme erforderlich. Doch der Erfolg dieser Projekte im Sinne einer nachhaltigen Verhaltensänderung wird von der Frage "Wer zieht tatsächlich an welcher Seite?" determiniert. Die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung mit Vertreterinnen und Vertretern aus Handel, Industrie und Verbraucherorganisationen stand unter dem Einfluss dieser divergierenden Interessen. Das vom Europäischen Gerichtshof bestätigte Leitbild des "mündigen Verbrauchers" wird auf der einen Seite als gegeben bzw. wünschenswert vorausgesetzt, andererseits werden Bildungsmängel in der Bevölkerung beklagt, die weiterhin Ernährungsaufklärung erfordern. Sie wird von Seiten der Industrie via Werbemaßnahmen und von Verbraucherorganisationen mit teilweise diametral entgegengesetzten Aussagen bzw. Interpretationen (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnisse betrieben, so dass Umfragen, die eine Verunsicherung bezüglich der Qualität der Lebensmittel bestätigen, nicht überraschen. Dies ist aber in Anbetracht von Reduktion/Abschaffung hauswirtschaftlicher Bildung (Kompetenzen des Alltagshandelns) in der Schule und Verknappung der Mittel für die unabhängige Verbraucherberatung besonders kritisch zu bewerten. Die Jahrestagung bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Einblicke in die Ist-Situation der Ernährungs(-verhaltens-)forschung und Raum für den konstruktiven Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen. In einigen Bereichen konnten (imaginäre) Divergenzen überwunden werden. Einigkeit herrschte zur gesellschaftlichen Bedeutung von Ernährungszielen. Dem gegenüber ist zu konstatieren, dass diese Sicht auf politischer Seite offensichtlich nicht gleichermaßen vorhanden ist, denn es war nur eine Bundestagsabgeordnete bereit (dann aber durch eine Plenarsitzung mit Anwesenheitspflicht verhindert), sich zu beteiligen. Verschiedene politische Organisationen lehnten auf Anfrage ab, z. T. mit der Begründung Ernährung sei "im Moment kein Thema".
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