AGEV - Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e.V.

Lebensmittelgruppen

Lebensmittelinhaltsstoffe

Die Wirkung der Lebensmittel auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen ist hauptsächlich dadurch gegeben, dass die Lebensmittel (Nähr-) Stoffe enthalten, die dem Menschen nützlich sind. Daneben gibt es jedoch solche, die schädlich sind. Die von außen zugeführten Lebensmittel stellen quasi Stoffgemische dar, mit denen mittels der Stoffwechselmechanismen die Funktionen des menschlichen Organismus aufrechterhalten werden können. Die Nährstoffe liefern die notwendige Energie und Substanzen, die der Organismus benötigt. Die Vielzahl der Inhaltsstoffe lässt sich wie folgt gliedern:

  1. Natürliche Inhaltsstoffe
  • essentielle Nährstoffe (z.B. Vitamine, Mineralstoffe)
  • nicht-essentielle Nährstoffe (für Energiegewinnung, z.B. Kohlenhydrate, Fette)
  • positive Nicht-Nährstoffe (Rohfasern, bioaktive Verbindungen, Aromastoffe, usw.)
  • negative Nicht-Nährstoffe (Schimmelpilzgifte, Hemmstoffe, usw.).
  1. Nicht-natürliche, durch "Menschenhand" (man made) bedingte, Inhaltstoffe
  • beabsichtigt (als Zusatzstoff um bestimmte Merkmale zu erhalten, Konservierungsmittel, Farbstoffe, usw.)
  • unbeabsichtigt (Rückstände aus der Verarbeitung, Lagerung, usw. – Pflanzenschutzmittel; Tierarzneimittel; aus Verpackungsmaterial – wie Plastikweichmacher)
  • Reaktionsprodukte bei der Verarbeitung (z.B. Bräunungsprodukte beim Erhitzen).

Allein aus der Aufzählung der Vielzahl der Stoffe zeigt sich, dass das entsprechende Untersuchungsfeld immens groß ist. Es gibt ca. 50 essentielle Nährstoffe, rund 5000 zugelassene Zusatzstoffe, und die Zahl der natürlichen Stoffe und der Umweltkontaminanten ist nochmals größer. Man kennt mehr als 4.000.000 Chemikalien. Die Erfindungsgabe der Natur ist eher größer als die der chemischen Labors. Natürliche Stoffe können genauso giftig sein, wie von Menschenhand hergestellte (Diehl 2000).

Selbst wenn die stoffliche Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung bekannt ist, z.B. durch chemische Analysen im Rahmen einer "total diet study", dann kann man nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Stoffe auch dem Organismus zur Verfügung stehen. Verschiedene Anpassungsmechanismen und Wechselbeziehungen bestimmen die Bioverfügbarkeit. Der Ernährungszustand des Organismus ist nur durch eine Reihe von (klinischen) Diagnosen und Messungen zu ermitteln, wie durch anthropometrische Messungen (Messung der Körpermaße) und durch biochemische Indikatoren (Biomarker).

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Bewertung des Ernährungs- und Gesundheitszustandes

Die Bewertung des Ernährungs- und Gesundheitszustandes bzw. die Bewertung seiner Veränderung, die durch Änderungen in der Ernährung ausgelöst wird (wie mehr Verbrauch von Lebensmittel x bzw. weniger von Lebensmittel y), muss die verschiedenen menschlichen Funktionen und Fähigkeiten ebenso betrachten, wie die (patho-) physiologischen Mechanismen, die zur Entstehung der ernährungsabhängigen Erkrankungen führen. Das sind zeit-abhängige Prozesse, und besonders die Haupterkrankungen wie Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen haben lange Latenzzeiten und sind alle multifaktoriell begründet. Neben Ernährung sind andere Lebensstil-abhängige Faktoren sowie die genetische Disposition daran beteiligt (McKinlay und Marceau 1999).

Als Bewertungsgrößen werden die Erkrankungsraten (Morbiditätsziffern) aber auch Vorstufen (Risikomerkmale - wie Übergewicht) sowie eine Reihe von menschlichen Funktionen herangezogen. Das sind z.B. Wohlbefinden, Fitness, Gedächtnisleistung, Infektions-Abwehrkräfte, usw. So ist sowohl das Dosis-Wirkungs-Modell als auch die Bewertung der Informationen multifaktoriell und komplex. Daher ist es nicht erstaunlich, dass es unterschiedliche Urteile gibt, welchen Beitrag einzelne Lebensmittel zur Gesundheit des Menschen beitragen. Es ist eher verwunderlich, dass es überhaupt relativ einfache Ernährungsbewertungsmaßstäbe gibt, die sich zwar unterscheiden, doch nicht diametral, sondern nur unterschiedliche Ausrichtungen haben.  (Oltersdorf 1987).

Der Ausgangspunkt der modernen Bewertungsart geht von plausiblen Annahmen aus, dass es günstig ist, wenn sich die Zufuhr der Stoffe in den Grenzen der empfohlenen Mengen bewegt. Dazu muss die stoffliche Zusammensetzung der Lebensmittel bekannt sein (Nährwert-Tabellen), sowie die Dosis-Wirkungs-Beziehungen, die als empfohlene Nährstoff- und Verzehrsmengen, bzw. den zugelassenen akzeptierten Mengen für Nicht-Nährstoffe vorliegen (ADI - acceptable daily intake). Die dazu notwendigen Informationen sind in einer Reihe von Datenbanken gespeichert und für entsprechende Nährwertberechnungen zugänglich, z.B. der Bundeslebensmittelschlüssel oder "Der kleine Souci-Fachmann-Kraut" (Senser 1991, Burlingame 2000).

Diese stofflich, analytisch, experimentell ausgerichtete Ernährungsforschung versucht auch die verschiedenen Interaktionen zu berücksichtigen, und muss die auf dieser Ebene kausalen Erkenntnisse in die Realität der menschlichen Ernährungssituation übertragen. D.h., es müssen Annahmen und Sicherheitsmargen hinzugefügt werden. Dabei hilft der ergänzende Ansatz der Ernährungswissenschaft, der die alltäglichen Ernährungserfahrungen systematisch beobachtet und bewertet - das ist die Ernährungsepidemiologie. Hier können weniger kausale Beziehungen ermittelt werden, jedoch wichtige Hinweise, welche Aspekte der Ernährung wichtiger zu sein scheinen als andere (Oltersdorf 1995, Boeing 2000).

Die Richtwerte für die Bewertung der Lebensmittel und der Ernährung sind quantitativ gesehen keine festen Größen, sondern sie sind von einer bestimmten (statistischen) Wahrscheinlichkeitsbreite umgeben. Wer also weniger als die Nährstoffempfehlung zu sich nimmt, ist damit nicht zwangsläufig unterversorgt, sondern nur einem höheren Risiko ausgesetzt, dass es dazu kommen könnte.

Bei den Modellen, die zu den bisherigen Richtwerten führen, sind einige wichtige Bezüge zu wenig beachtet worden. Die Aufnahme der Lebensmittel ist zeitlich strukturiert und auch die Zuordnung zwischen den verschiedenen Lebensmittelgruppen ist durch Gewohnheiten strukturell festgelegt. Dies betrifft das Spektrum der Mahlzeitenstrukturen bis hin zur Beurteilung einer Ernährungsweise bzw. der "Küche" einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Es ist anzunehmen, dass die Wirkung des täglichen Verzehrs von 20 g Fisch anders ist, wie wenn diese statistische Menge einmal in der Woche als 150 g Portion verzehrt wird. Täglich ein viertel Liter Rotwein kann als gesund gelten, aber einmal in der Woche, z.B. Samstags 2 Flaschen Rotwein trinken, hat sicher andere Wirkungen. Die Abfolge des Essens - die Mahlzeiten - zeigen Strukturen, die bisher nicht genügend wahrgenommen, geschweige denn bewertet wurden.
Die empirischen Auswertungen der Ernährungserhebungen müssten solche "Beziehungsstrukturen" berücksichtigen. Dabei handelt es sich z.B. um Portionsgrößen und Mahlzeitenstrukturen. Ebenso gilt es, die quantitativen Aussagen mit qualitativen Informationen zu ergänzen (Wahrscheinlichkeiten, "fuzzy"). Die stofflichen Bewertungen hinsichtlich einzelner Stoffe (Indikatoren und Grenzwerte) müssen durch zusammenfassende Bewertungsschemen ergänzt werden (Index-Werte). Es gibt dazu nur erste Ansätze, die es gilt zu verstärken (Oltersdorf et al. 1999, Winkler et al. 1999b, Hahn et al 1995, Hu et al. 2000).

Es gibt bisher dazu nur erste Ansätze, doch dabei zeigt sich, dass man bei den Empfehlungen deutlich die Nährstoffebene verlässt und auf Lebensmittelgruppen (food based dietary guide-lines - FBDGs), und auch Ernährungsstile kommt (Welsh 1996, Milner 2000, Becker et al. 2000).

(Abbildung: The relationship of specified nutrient standards, dietary guidelines, and food guidelines to healthy eating.)

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Beurteilung des Beitrags der einzelnen Lebensmittel für die Gesundheit

Die hier vorgenommene Beurteilung des Beitrages der einzelnen Lebensmittel für die Gesundheit berücksichtigt die Gesamtzusammenhänge. Es ist offensichtlich, dass keine gültigen, detaillierten, speziellen und funktionellen Beziehungen in der Art, dass die Steigerung des täglichen Verzehrs an Obst um 10 %, die Zahl der Krankheitstage bei erwachsenen Erwerbstätigen um 5 % verringern würde, dargestellt werden können. Es können nur relativ vorsichtig mögliche Auswirkungen beschrieben werden.

Die vielen vorhandenen Informationen werden dazu in folgender Weise zusammengefasst: 
Die ernährungsphysiologische Qualität der einzelnen Lebensmittelgruppen wird umrissen, es werden positive einschließlich der (Heil-) Wirkungen und negative Eigenschaften aufgezählt. Der Anteil der betreffenden Lebensmittel-Gesamtversorgung wird dargestellt und in Beziehung zu den Lebensmittel-bezogenen Richtgrößen gesetzt. 

Dabei muss an dieser Stelle nochmals daran erinnert werden, dass eine Lebensmittelgruppe immer nur ein Teil der gesamten Ernährung ist. Es wird von allen Ernährungswissenschaftlern anerkannt, dass die Haupternährungsprobleme am ehesten dadurch zu lösen sind, wenn insgesamt weniger verzehrt wird. Daneben muss die Ernährung bei vielen Verbrauchergruppen in der Weise verändert werden, dass mehr Obst und Gemüse verzehrt wird, und andere Lebensmittel dafür umso mehr verringert werden müssten (EU-Informationsbrief 2000, Sjostrom 2000, European Parliament: Directorate General for Research; Directorate A 1997, Harris 2000).

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Quellen

  • Becker W., Bingham S., Henauw de S., Kearney J., Lagiou P., Leclercq C., Löwik M., Serra-Majem L., Valsta L., Wisemann M.: A Framework for Food-Based Dietary Guidelines in the European Union. Nutrition & Diet for Healthy Lifestyles in Europe. Draft Report of Working Party 2, 19.06.2000 (http://eurodiet.med.uoc.gr/party2.html)

  • Boeing H.: Ernährungsepidemiologie und Public Health Nutrition. DGE-info 10, 147-150, 2000

  • Burlingame B. (Editor): 3rd International Food Data Conference. Journal of Food Composition and Analysis 13 (4), Special Issue, August 2000.

  • DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) (Hrsg.): Ernährungsbericht 2000. Frankfurt/Main, 2000

  • Diehl J.F.: Chemie in Lebensmitteln - Rückstände, Verunreinigungen, Inhalts- und Zusatzstoffe. WILEY-VCH, Weinheim 2000

  • EU-Informationsbrief: Der Einfluss der Nahrung und Ernährung auf die öffentliche Gesundheit. Aktionsplan für die Europäische Region der WHO für den Zeitraum 2000 bis 2005. EU-Informationsbrief Gesundheit N5, 8-9, 2000 zu finden unter: www.who.dk

  • European Parliament: Directorate General for Research; Directorate A (STOA: Scientific and Technological Options Assessment): Nutrition in Europe. Luxembourg, PE 166.481, January 1997

  • Hahn A., Pfeiffenberger P., Wirsam B., Leitzmann C.: Bewertung und Optimierung der Nährstoffzufuhr mit Hilfe der Fuzzy-Logik. Ernährungsumschau 42, 367-371, 1995

  • Harris S.S.: Dietary guidelines for Americans - Recommendations for the year 2000. Food Australia 52 (6), 212-214, 2000

  • Hu F.M., Rinn E.B., Stampfer M.J., Ascherio A., Spiegelman D., Willett W.C.: Prospective study of major dietary patterns and risk of coronary disease in men. American Journal of clinical Nutrition 72 (4), 912-921, 2000

  • McKinlay J.B., Marceau L.D.: A tale of 3 tails. American Journal of Public Health 89 (3), 295-298, 1999

  • Milner J.A.: Functional foods: the US perspective. American Journal of clinical Nutrition 71 (6. Suppl.), 1654S-1659S, 2000

  • Oltersdorf U.: Die Problematik der Bewertung von Lebensmitteln und von Ernährungsweisen. Hauswirtschaft und Wissenschaft 35 (4), 184-196, 1987

  • Oltersdorf U. Ernährungsepidemiologie. Mensch, Ernährung, Umwelt, 351 S Ulmer-Verlag, Stuttgart, 1995

  • Oltersdorf U., Schlettwein-Gsell D., Winkler G. Assessing eating patterns - an emerging research topic in nutritional sciences: introduction to the symposium. Appetite 32: 1-7, 1999

  • Senser F.: Der kleine "Souci-Fachmann-Kraut": Lebensmitteltabelle für die Praxis, 434 S. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft., überarb. und erw. Aufl., Stuttgart 1991

  • Sjostrom M.: Foods and People. Toward a Public Health Nutrition Strategy in the European Union to implement FBDGs and to enthance healthier lifestyles. Nutrition & Diet for Healthy Lifestyles in Europe. Draft Report of Working Party 3, 03.05.2000 (http://eurodiet.med.uoc.gr/remits.html )

  • Welsh S.: Nutrient Standards, Dietary Guidelines, and Food Guides. In: Ziegler E.E., Filer L.J. Present Knowledge in Nutrition ILSI Press, 7. Aufl., Washington DC 1996

  • Winkler G., Döring A., Keil U.: Trends in dietary sources of nutrients among middle-aged men in southern Germany. Results of the MONICA Project Augsburg: dietary surveys 1984/1985 and 1994/1995. Appetite 34, 37-45, 1999b

 

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