AGEV - Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e.V.

Auswirkungen der Nachfrage nach Nährstoffpräparaten 

Es werden zunehmend freiverkäufliche Nährstoffpräparate (Vitamin- und Mineralstoffpräparate) nachgefragt. Da die Nährstoffzufuhr bei den meisten Verbrauchern auch ohne diese Zusätze gesichert ist, haben sie keine Auswirkungen. Tendenziell besteht eher die Gefahr von Überversorgungsreaktionen.


Immer mehr Verbraucher nehmen relativ regelmäßig Mineral- und Vitaminpräparate zu sich (Entwicklung der Nachfrage nach Nährstoffpräparaten). Etwa ein Fünftel der erwachsenen Männer und Frauen nimmt mindest einmal wöchentlich solche Mittel ein. Das mag in manchen Fällen auf ärztliche Verordnung und Ratschläge hin geschehen, z.B. zur Unterstützung des Krankheitsheilungsprozesses, in den meisten Fällen werden sie jedoch aus der in Wohlstandsgesellschaften weit verbreiteten Mentalität heraus genommenen, sich gegen alle Risiken ausreichend schützen zu wollen und zu können.

 

Ernährungsphysiologische Beurteilung

Die vorhandenen Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft zur Nährstoffversorgung belegen, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit fast allen Nährstoffen ausreichend versorgt ist. Es gibt keine Veranlassung die Einnahme solcher Präparate zu empfehlen, und auch nicht dafür, Lebensmittel mit Nährstoffen (und Funktionen) anzureichern. Mit der Palette der angebotenen Lebensmittel ist eine sichere Ernährungsversorgung möglich. Dies gilt auch für die "Zeiten" des etwas erhöhten Bedarfes, wie z.B. der des Freizeit-Sports oder der kalten Jahreszeit mit erhöhter Grippegefahr. Andererseits ist auch bekannt, dass eine den täglichen Bedarf an Nährstoffen übersteigende Zufuhr kein großes Risiko darstellt. Die nicht benötigten Stoffe werden meist ausgeschieden, werden also verschwendet. Zu viel davon kann als "Luxus-Verzehr" bezeichnet werden (DGE 2000f, Bergmann 2000).

Eine mäßige Einnahme von solchen Präparaten, die frei verkäuflich und mittlerweile die Discountläden erreicht haben, die die Grenzen der Nährstoffempfehlungen "nur" um das ein-/zweifache überschreiten, kann vom gesundheitlichen Risiko her gesehen, toleriert werden. Dieses Handeln ist nur als ökonomische Verschwendung zu bezeichnen. Doch die Gefahr wächst, dass manche Menschen noch mehr davon einnehmen ("Megadosen"), und so gibt es seit einigen Jahren in den USA bei den entsprechenden Empfehlungen für die Nährstoffzufuhren auch obere Richtwerte, die sogenannten NOALs (No observed Adverse Effect Level) und LOAELs (lowest observed adverse effect level). Diese toxikologischen Kenndaten von Nährstoffen sind in den neuesten Empfehlungen der DGE auch aufgenommen worden (DGE et al. 2000). Die NOALs liegen zwischen dem 2-3 (Magnesium, Calcium, Vitamin A) bis über 100fachen der entsprechenden Empfehlungen (B-Vitamine). Zumeist sind die LOAELs nicht genügend bekannt, da entsprechende Untersuchungsergebnisse fehlen. Sie liegen aber nochmals um den Faktor 2-5mal höher.

Die Zulage wird nur für zwei spezifische Fälle als sinnvoll erachtet, das ist die Jodsupplementation (zur Kropfprävention) und die Folatsupplementation bei Schwangeren (zur Vermeidung von neurologischen Auffälligkeiten ihrer Neugeborenen - Neuralrohrdefekt). Bei bestimmten (Risiko-) Gruppen, die zeitweilig einen erhöhten Nährstoffbedarf aufweisen, kann die (am besten medizinisch kontrollierte) Verwendung solcher Präparate sinnvoll sein. Das gilt z.B. für werdende und stillende Mütter, Hochbetagte, Hochleistungssportler, starke Raucher, Kranke, unterversorgte Ess-Gestörte und bei Durchführung einer Reduktionskost.

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Anteil an der Gesamtversorgung

Der Anteil der Nährstoffe, der von Nahrungsergänzungsmittel stammt, kann bisher aufgrund der unzureichende Datenlage nicht abgeschätzt werden. Die vorhandenen Studien zeigen, dass die Personen, die solche Präparate einnehmen, höhere Nährstoffzufuhren haben, verglichen mit denen, die sie nicht einnehmen. Der Hauptunterschied ist allerdings nicht auf die Präparate zurückzuführen, sondern auf das bessere Verhalten. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass gesundheitsbewusste, informierte Verbraucher, quasi aus Sicherheitsgründen, noch "Extra-Dosen" an Nährstoffen nehmen ("Sicher ist sicher" - das kann nicht schaden) (Men-sink und Ströbel 1999).

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Empfehlungen und Verbraucherinformation

Die vorgenannte Beobachtung deutet an, wie wichtig bessere Verbraucherinformation ist. Mit mehr Information allein kann die ökonomische Verschwendung durch "Überversicherung" auf der Nachfrageseite (den Verbraucher) nicht beseitigt werden. Trotzdem ist auch an dieser Stelle wieder auf die quantitative Diskrepanz hinzuweisen, die zwischen den Informationen, die Anbieter solcher "Sicherheitsmittel" haben, gegenüber denen, die Verbraucher sachlich aufklären wollen. Zu einer qualitativ besser gestellten Verbraucherinformation gehört eine bessere und effizientere rechtliche Kontrolle bezüglich der gegebenen gesundheitlichen und sonstigen Versprechungen ("health claims"). Es besteht eine große Spannbreite von richtigen Aussagen (mit etwas positiver Schiefe) bis hin zu echten Täuschungen. Das Problem stellt die Grenzziehung zwischen den Zielkonflikten dar. Es gehört fast zur Natur von Menschen, dass sie immer wieder auf falsche Versprechungen hereinfallen, selbst wenn es nur Variationen von schon bekannten Schummelein sind. Es ist eben verführerisch, leichte Wege zum Ziel zu suchen, riskanter zu handeln, wenn man sich gut versichert fühlt. Das Spiel mit solchen Möglichkeiten überschreitet jedoch auch Grenzen, die die Gesundheit gefährden, und diese sind rechtlich festzulegen. Die Situation wird dadurch nicht leichter, dass von Seiten der Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften immer mehr bioaktive Inhaltsstoffe entdeckt werden, und die Funktionen der Stoffe immer detaillierter erforscht und von Menschen auch immer besser verstanden werden. Aus der Fülle der Bioinformationen kann eine Fülle von neuen Versprechungen herausgefunden werden. Hier zwischen Hypothese, Vermutung und gesicherten Aussagen zu unterscheiden wird immer schwieriger.

Bisher gilt noch, dass es mit richtiger Nahrungswahl keine ernährungsabhängigen Gesundheitsprobleme gibt. Es hat jedoch eine ernsthafte Diskussion darüber eingesetzt, ob es nicht über die natürlichen Nährstofffunktionen hinaus solche gibt, die Menschen helfen, noch besser zu funktionieren, bzw. die die Leistungsfähigkeit und die Grenzen des Menschen erweitern können. Selbst der Mensch in seiner angeborenen Fehlerhaftigkeit und mit normalen Mangelfunktionen steht an der Grenze, sich selbst verbessern zu können. Die Life Science Forschung sieht reale Möglichkeiten, unsere Anlagen (die Gene) zu optimieren, und zu solchen optimierten Verbrauchern passen dann auch die optimierten Nahrungsergänzungsmittel und die funktionellen Lebensmittel. Die Zukunft wird zeigen, ob dies ein zu vielversprechender Ausblick ist oder nicht. Heute sollte die Verbraucheraufklärung damit beginnen, über solche Szenarien einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess zu initiieren. 

Doch noch gilt: Nahrungsergänzungsmittel können in bestimmten Situationen die Nährstoffversorgung verbessern. Allerdings sollten keine überzogenen Erwartungen geweckt werden, dass damit alles heilbar wäre (Mohr 2000). Sie sind keinesfalls Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Die Informationen der Verbraucher müssen verbessert die Zielgruppen erreichen, bei denen Ernährungsrisiken bekannt sind, die durch solche Ernährungszulagen zu beseitigen sind (Hahn und Wolters 2000, Meyer 2000). Dazu muss der Ernährungszustand der verschiedenen Verbrauchergruppen aktuell und differenziert bekannt sein. Hier sind noch große Informations- und Forschungslücken.

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Quellen

  • Bergmann J.: Ein sinnvolles Vorhaben mit etlichen Fallstricken. Zum Vorschlag der Kommission für eine Nahrungsergänzungs-Richtlinie. Zeitschrift für das Gesamte Lebensmittelrecht 5, 653-670, 2000

  • DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), Österreichischer Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung (SGE), Schweizerische Vereinigung für Ernährung (SVE) (Hrsg.): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 240 S Umschau/Braus, 1. Aufl., Frankfurt/M. 2000

  • DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) (Hrsg.): Ernährungsbericht 2000. Frankfurt/Main, 2000a

  • DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) (Hrsg.) Optimale Nährstoffversorgung ohne angereicherte Lebensmittel und Präparate möglich. Ergebnisse der Jahrespressekonferenz der DGE 2000. DGE spezial 2, 2000b

  • Hahn A., Wolters M.: Nahrungsergänzungsmittel - Eine Bestandsaufnahme. Zeitschrift für Ernährungsökologie 1 (4) (2000) DOI: http://dx.doi.org/10.1065/erno2000.09.013

  • Mensink G.B.M., Ströbel A.: Einnahme von Nahrungsergänzungspräparaten und Ernährungsverhalten. Das Gesundheitswesen 61 (Sonderheft 2), 132-137, 1999

  • Meyer A. H. Neue Aussichten für angereicherte Lebensmittel. Zeitschrift für das Gesamte Lebensmittelrecht 5, 671-680, 2000

  • Mohr H.: Genomanalyse: Verspricht die Wissenschaft zu viel? Laborjournal 8, 20-21, 2000

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