Das, was sich bei Kleinkindern andeutet, wird bei Schulkindern
offensichtlich. Obwohl es keine entsprechende bundesweit repräsentative
Studie gibt, zeigen alle regional begrenzten Erhebungen (z.B. aus
Bielefeld, Dortmund, Hamburg, Jena, Kiel und München), dass ca. 20 % der
deutschen Schulkinder übergewichtig sind. Die verfügbaren Zeitreihen von
Jenaer Schulkindern zwischen 1980 und 1995 weisen eine extreme Zunahme
übergewichtiger Kinder aus (DGE 2000g, Jahreis 2000).
Der säkulare Trend in den Zunahmen der Körpermaße ist deutlich, wobei
das Körpergewicht schneller zunimmt als die Körperlänge. Untermauert
wird der Befund durch den Anstieg der Dicke des Unterhautfettgewebes
(Hautfaltenmessungen). Es wird belegt, dass sich in den letzten 15-20
Jahren die Zahl der übergewichtigen Schulkinder verdoppelt hat.
Die Studie im Ernährungsbericht 2000, Kapitel 4 (" Essenverhalten
und Ernährungszustand von Kindern und Jugendlichen"), die einen
Vergleich der Körpergewichtsdaten in vier Erhebungsorten
(Mönchengladbach, Jena, München, Kiel) zwischen 1984 und 1998
ermöglicht, zeigt keine so deutlichen Zunahmen, doch ein hohes Ausmaß an
Übergewichtigkeit unter den untersuchten 6- bis 17jährigen. Hier wird
auch fest-gestellt, was an anderen Stellen die Sportwissenschaftler
beklagen, dass sich die Kinder immer weniger aktiv körperlich betätigen
(DGE 2000a, Molnár und Livingstone 2000, Martinez 2000).
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass in anderen Regionen in Deutschland,
aus denen es keine entsprechenden Informationen gibt, die Situation
wesentlich anders wäre. Im Detail gibt es regionale Unterschiede, dies
zeigen die europäischen Vergleichsstudien, doch diese bestätigen ebenso
die Größenordnung an "dicken" Schulkindern (Livingstone 2000).
Die Zusammenstellungen der internationalen Daten zeigt die heterogene
Situation in Europa, aber überall einen Trend zur Übergewichtigkeit. Die
Vergleiche sind sehr schwierig, da es wenig longitudinale Studien gibt und
die Daten allgemein bedingt durch methodische Unterschiede schwer
vergleichbar sind. Die Situation in den USA, bei denen bedingt durch die
kontinuierlichen Erhebungen (NHANES I bis IV) 30 Jahre verfolgt werden
können, zeigt einen dramatischen Anstieg: waren 1963 nur 4 % der
6-17jährigen deutlich übergewichtig, so betrug dieser Anteil 1994 11 %.
Weitere 14 % sind in einem geringen Grad übergewichtig.
Übergewichtige Schulkinder bleiben in den meisten Fällen übergewichtig.
Die Daten zeigen, dass mit zunehmendem Alter der Schulkinder der Anteil
der Übergewichtigen stetig steigt. Vor der Pubertät, die in Europa ab
dem 10ten Lebensjahr einsetzt, ist der Unterschied zwischen den
Geschlechtern hinsichtlich des Übergewichts nicht eindeutig. Mit der
Pubertät setzt ein deutlicher Geschlechterunterschied ein. Die Pubertät
setzt bei Übergewichtigen früher ein als bei Schlanken. Mit der
Pubertät treten auch die bereits bei Schulkindern noch mehr latent
vorhandenen Unterschiede im Körperbild zwischen den beiden Geschlechtern
deutlich auf. Damit einher gehen erste "Diät-Erfahrungen", und
es treten vermehrt Abweichungen vom normalen Essverhalten auf, die sich zu
klinisch manifesten gestörten Ess-Verhaltenssyndromen (wie Anorexia
nervosa, die zur Unterernährung führt und Bulimie) entwickeln können.
Diese werden bei Jugendlichen besonders deutlich. Mädchen sind dann meist
weniger übergewichtig als entsprechend alte Jungen.
Das Auftreten von Lebensmittelinfektionen (wie z.B. Salmonellose) bei
Schulkindern ist nicht bekannt, doch es ist plausibel anzunehmen, dass es
in der Häufigkeit auftrifft, wie auch bei Erwachsenen bzw. ihren
Eltern.
Die Informationen zu Lebensmittel-bedingten Allergien bei Schulkindern
erscheinen lückenhaft, sie liegen in der gleichen Größenordnung wie bei
Erwachsenen. Die Zahl der Allergieerkrankungen scheint zuzunehmen. Eine
Umfrage erfasst ca. 30 % Kinder mit allergischen Symptomen.
Erfahrungsgemäss ist der Anteil von Lebensmittelbedingten Allergien
geringer als ein Drittel davon (Erika von Mutius,
Universitätskinderklinik München).
Über Risiken bei Schulkindern hinsichtlich von Mangel an Nährstoffen
ist nichts bekannt. Aus den Ernährungserhebungen zeigt sich, dass das
Risiko im Allgemeinen recht gering beurteilt werden kann. Die möglichen
Ausnahmen betreffen Jod und Folsäure.
Die Situation der Schulkinder erscheint auf den ersten Blick wenig
dramatisch zu sein. Die Häufigkeit von Fehlernährung ist geringer als
bei Erwachsenen. Doch nicht nur die Dynamik der Entwicklung - die Zunahme
an Übergewicht bei Kindern - ist Anlass zu Besorgnis, sondern viel mehr
die wissenschaftlichen Erkenntnisse die belegen, dass solch frühe
"Zivilisationssymptome" bei Kindern eine schlechte Prognose für
die Zukunft darstellen. In diesen Jahren werden nicht nur die
Alltagsverhaltensweisen (Überessen bei Wenig-Bewegung) geprägt, sondern
auch die physiologischen Risikoanlagen für all die Krankheiten die
später bei Erwachsenen vorkommen.
Die identifizierte Lücke an Informationen zur Ernährungssituation bei
Schulkindern könnte durch den in Planung stehenden Kinder- und
Jugendsurvey des Robert-Koch-Institutes geschlossen werden (Bergmann et
al. 2000). Die notwendige Analyse der Situation, die zudem nicht nur
einmal, sondern in regelmäßigen Abständen erfolgen müsste (Nutrition
Monitoring), würde die Kenntnisse zu diesem Problembereich deutlich
machen, dass entsprechende Vorsorgeprogramme (Public Health Nutrition),
die bessere Ernährung und bessere körperliche Aktivität beinhalten,
intensiver und systematischer gefördert werden.
Bergmann K. E., Hölling H., Kahl H.,
Schäfer U., Trumann B. Kinder- und Jugendsurvey. Robert Koch
Institut, 1999 19.10.2000 (http://yellow-fever.rki.de/FORSCH/FOR2/METH/52_INT.HTM)
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24 (7/8), 326-328, 2000
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