AGEV - Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e.V.

Entwicklung der Nachfrage nach Lebensmitteln bei Kleinkindern

Die Nachfrage nach Lebensmitteln durch Kleinkinder ist nur unzureichend bekannt. Insgesamt wird sie sich in Zukunft verringern, da diese Bevölkerungsgruppe kleiner wird.


Die Ernährungsempfehlungen für Kleinkinder sind nach Altersgruppen differenziert (DGE et al. 2000, aid 1997). Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass zwar das theoretisch vermittelte Wissen angestiegen ist, dass aber die praktischen Kompetenzen bei vielen Verbrauchergruppen nachgelassen haben. Entsprechend hat sich ein umfangreicher Markt für Baby- und Kleinkost-Nahrung entwickelt.

In der Kleinkind- Phase werden der Geschmack und die Nahrungspräferenzen der Kinder nachhaltig geprägt. Differenzierungen lassen sich durch verschiedene Speisen, die individuell zubereitet werden, leichter erreichen, als durch standardisierte Angebote. (Harrus-Révidi 1996). 

Im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung lernen Kinder selbständig zu essen und auch zu sprechen, und können am gemeinsamen Mahl der Eltern (Erwachsenen, anderen älteren Geschwister) teilnehmen und ihre Ernährungsgewohnheiten profilieren. 

Ab dem dritten Lebensjahr kommen vor allem durch den Kindergarten die ersten Außer- Haus-Erfahrungen hinzu, die auch andere Lebensmittel in die Lebenswelt der Kleinkinder einschließen. In dieser Lebensphase beginnen Kleinkinder, eigenständige Verbraucher zu werden, und die Einflüsse der Bezugsgruppen, Medien und des Marketings steigen (Diehl 2000).

Gegenwärtig umfasst jeder Jahrgang ca. 800.000 Kleinkinder, dieses wird zurückgehen auf ca. 500-550.000 im Jahr 2050 (Statistisches Bundesamt 2000a).

Es gibt keine repräsentative Erhebung zum Ernährungsverhalten von Kleinkindern, die vorhandenen Informationen zu diesem Alterszeitraum entstammen einzelnen Studien, vor allem aus dem Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE), wie die DONALD-Studie (Alexy und Kersting 1999, Heyer 1997).

Die Informationen der Einkommens- und Verbrauchsstichproben, die an sich auf Haushaltsebene erhoben werden, wurden mittels statistischer Schätzverfahren im Kapitel 1 des Ernährungsberichts 2000 auf individuelle Basis umgerechnet, so dass auch tägliche Verzehrsdaten von den Altersgruppen 4-6 Jahre, 7-9 Jahre, usw. dargestellt werden (DGE, 2000).

In der Bayerischen Verzehrsstudie werden Ernährungsprotokolle als Datengrundlage verwendet, die auch Kleinkinder mit einschließen, doch wurden diese von den Eltern ausgeführt. Außerdem ist die Teilnehmerzahl in diesen Altersgruppen sehr gering (4-6 Jahre 12 Jungen, 11 Mädchen; 7-9 Jahre sind es 9 bzw. 12) (Fischer 1999). Im Ernährungssurvey des Bundes-Gesundheitssurveys wurden keine Kinder befragt (die jüngsten Teilnehmer sind 18 Jahre) (Mensink et al. 1999).

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Donald-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung

Aus den Daten des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) ergibt sich z.B., dass die täglich verzehrte Menge an Fleisch und Wurst bei Säuglingen im Alter von 6 Monaten bei durchschnittlich 11 g liegt, Kleinkinder verzehren täglich 40 g (das ist weniger als nach EVS-Angaben) und bei Jugendlichen zwischen 80 und 120 g. Jungen essen deutlich mehr Fleisch und Wurst als Mädchen. Entgegen den Empfehlungen bevorzugen Kinder und Jugendliche zudem meist fettreiche Fleisch- und Wurstwaren, so dass ein wesentlicher Anteil der heute allgemein zu hohen Fettzufuhr aus dieser Lebensmittelgruppe stammt (Abbildung: Digramme der Donald-Studie).

Die altersabhängige Zunahme des Verzehrs von Obst beginnt bei 14 g/Tag bei 3 Monate alten Säuglingen und steigt auf ca. 335 g bei 15-18jährigen Jugendlichen. Gemessen am Gesamtverzehr (g/Tag) aßen Klein- und Vorschulkinder am meisten Obst (ca. 250 g täglich) (> 18 %). Dies sind höhere Werte verglichen mit denen der EVS. Im Schulalter sank der Anteil von Obst bis auf 15 % bei weiblichen und 12 % bei männlichen Jugendlichen. Der höhere Anteil von Obst in der Ernährung von Mädchen gegenüber Jungen ist auch aus anderen Untersuchungen bekannt und spiegelt deren größeres Interesse an einer gesunden (und kalorienarmen) Ernährung wider.

Der Getränkeverzehr insgesamt (Leitungs- und Mineralwasser, Tee, Kaffee, Fruchtsäfte, Fruchtsaftgetränke und -nektare, Limonaden, ohne Milch) steigt mit zunehmendem Alter von 30 ml/Tag bei Säuglingen im Alter von 3 Monaten auf 1,4 l bzw. 1,1 l bei männlichen bzw. weiblichen Jugendlichen an. Kleinkinder trinken täglich etwa einen halben Liter, dies entspricht den Angaben der EVS. Parallel dazu steigt der Anteil der Getränke an der Gesamtverzehrsmenge von weniger als 3 % auf bis zu 48 % an. Jungen trinken absolut gesehen mehr als Mädchen, aber der Anteil der Getränke am Gesamtverzehr ist etwa gleich hoch.

Diese Beispiele zeigen, wie problematisch und unsicher ein echtes Bild aus den vorhandenen Informationen zu erstellen ist. Wichtig ist daher, dass der geplante Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Institutes einen Ernährungssurvey-Teil enthalten wird (Bergmann et al. 2000, Mensink 2000).

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Daten kommerzieller Marktforschungsistitute

Aus den umfangreichen Informationen der kommerziellen Marktforschungsinstitute sind die von Kleinkindern nachgefragten Lebensmittel nicht zusammenfassend darzustellen, da z.B. in den entsprechenden Panel-Daten die Nachfrage des Haushaltes, aber nicht der individuellen Personen erfasst wird. Die Hersteller von Säuglingsnahrung bieten auch für Kleinkinder fertige Nahrung an. Das sind dann die "Junioren"-Reihen, und hier gibt es auch Zwei-Kammern-Schalen-Menüs, wie z.B. die Reihe "Soo groß" von Hipp. (Weitere Informationen sind den Internet-Darstellungen zu entnehmen: www.alete.de, www.hipp.de, www.milupa.de/).
Die speziell für (Klein-) Kinder konzipierten Lebensmittel, die sich vor allem durch Farbe, Form , Verpackung und beigepackten Zusatznutzen ("Sammel-Figuren, -Bilder, Pokemons, Kinderklubs, Tigerenten-Klub, usw.) von "Erwachsenen-Lebensmitteln" unterscheiden, sind für das Marketing sehr wichtig, nicht aber für die Ernährung der Kinder.
Selbst die Anreicherung mit Nährstoffen wird von der Ernährungswissenschaft skeptisch beurteilt, und auch "funktionelle Lebensmittel", die eine bessere Entwicklung der Kinder versprechen (Kersting et al. 1998, FKE 1997, N.N. 1998, Verbraucher Zentralen und AgV 1996).

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Außer-Haus-Verzehr

Schon Kleinkinder haben einen Außer-Haus-Verzehr, dabei ist weniger an die Restaurantbesuche gedacht, die sie zusammen mit ihren Eltern oder anderen Personen machen, diese Informationen sind nicht repräsentativ erfasst. Doch haben sie einen Stellenwert, zumindest wird dies durch entsprechende Marketing- und Kundenbindungsaktivitäten der Gastronomie sichtbar (z.B. durch den Marktführer McDonald´s und mit seiner Figur "Ronald", die die Organisation von Kinderfesten anbietet).
Ein wichtiger Bereich sind die Einrichtungen zur Betreuung von Kleinkindern, die Kindergärten. Sie haben eine wichtige gesellschaftliche Funktion, nämlich als Familienergänzende Betreuungs-, aber auch Bildungseinrichtung. 

Der Besuch des Kindergartens schließt auch die Aspekte der Außer-Haus-Verpflegung ein, besonders bei einer Ganztagsbetreuung in Kindertagesstätten (d.h. wenn der tägliche Aufenthalt des Kleinkindes über 6 Stunden liegt), denn dann zählt eine Mittagsmahlzeit dazu. Neben dieser außer-häuslichen Ernährungsversorgung, die vorbildlich sein sollte, ist auch das Potenzial einer Ernährungsbildung im Kindergarten wichtig.

Es gibt in Deutschland etwa 25000 Tageseinrichtungen für Kinder über 3 Jahre. Etwas mehr als die Hälfte bietet Ganztagsbetreuung an. In diesen Kindertagesstätten werden ca. 1 Millionen Kinder im Alter von 3 bis 14 Jahren betreut und mit Essen versorgt.
Es ist erfreulich, dass es dank der Studie "Ernährungssituation in Kindertagesstätten: die Kindertagesstätten-Ernährungs-Situations-Studie" (KESS), die im Rahmen des Ernährungsberichtes 2000 vom FKE durchgeführt und veröffentlicht wurde, nun erstmals repräsentative Informationen zu diesem Bereich bietet. Bisher gab es nur regional bezogene "Fallstudien" zu diesem Aspekt der Kleinkindernährung. Es fehlen jedoch weiterhin Daten zu den anderen Bereichen, wie den anderen Kindergärten, den in Selbsthilfe betreuten Kindern, u.a.m. Bedingt durch die gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem durch die flexibleren Lebensläufe und Wohnformen, wird die Bedeutung der Außer-Haus-Verpflegung und der ent-sprechenden Ernährungsbildung noch zunehmen (DGE 2000 Kap. 3).

Insgesamt ist die in der KESS erfasste Ernährungssituation in Kindertagesstätten sehr heterogen und wird von vielfältigen Faktoren, wie dem Alter der Kinder, dem jeweiligen Verpflegungssystem und der Lage der Kindertagesstätten in den neuen oder alten Ländern beeinflusst. Hinzu kommen vor allem in den alten Ländern Sonderbedürfnisse spezieller Gruppen, nämlich von Kindern aus anderen Kulturen (in 60 %), von Kindern aus "sozial benachteiligten" Familien (62 %) und von diätbedürftigen Kindern (knapp 30 %, meist Allergien und Neurodermitis), für die häufig ein erhöhter Versorgungsaufwand betrieben wird.
In Kindertagesstätten ist die Mittagsmahlzeit die einzige verbindlich anzubietende Mahlzeit. Die KESS zeigt, dass Mahlzeiten außerhalb der Mittagsmahlzeit, wie z. B. das Frühstück, in der Mehrheit von den Eltern angeboten werden. Die Befunde zeigen, dass die angebotenen Mittagsmahlzeiten in den Kindertagesstätten hinsichtlich der ernährungsphysiologischen Qualität durchaus befriedigend sind. Die präventivmedizinischen Referenzwerte der Optimierten Mischkost in Form von Nährstoffdichten der Mittagsmahlzeiten werden aber vielfach nicht erreicht (DGE 2000 Kap. 3).

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Ernährungserziehung

Die Möglichkeiten der Ernährungserziehung von Kleinkindern sind beträchtlich und werden nicht ausgeschöpft. Die Anforderungen werden noch steigen, da die Ernährungskompetenz von Generation zu Generation nachlässt. Zwar fehlen hier neueste repräsentative Untersuchungen, doch die vorhandenen Informationen geben deutliche Hinweise. So sollte nicht nur erhoben werden, welche Ernährungsverhaltens-Entwicklungen Kleinkinder zeigen, z.B. ob und welche Ernährungsverhaltens-Eigenarten sich entwickeln. Was "ständig" gegessen wird, und was ganz gemieden wird (kein Obst, kein Fisch, usw.). Welche "neuen" Angebote akzeptiert, welche strikt abgelehnt werden. Sondern auch solche Informationen, in wie-weit Kleinkinder Lebensmittelqualität (z.B. Geschmacksunterschiede) wahrnehmen können; wer kann in welcher Weise mit Lebensmitteln umgehen; wer kann die ersten Grundfähigkeiten zur Speisenzubereitung; mit welchen Küchengeräten kann man umgehen? Was wissen Kleinkinder, woher das Essen kommt (analog den "Sachgeschichten mit der Maus").

Es gibt eine Reihe von Informationsbroschüren für Eltern und auch für Kinder, z.B. vom aid und anderen Organisationen, doch das Angebot (die Werbung) der Anbieter ist wesentlich größer und "eindrucksvoller" (aid 1997a, 1997b, 1999). Gegen diese Realität der modernen (Medien-) Welt ist es schwer, "Kontrapunkte" zu setzen. Ein wichtiger Weg ist auch, "öffentlich-rechtlich" Kinder mit Medien anzusprechen (TV, Internet, CD-ROM, etc.).

Ernährungsbildung muss praktisch erlebt werden, und hier gibt es für Kleinkinder im öffentlichen Raum vor allem die Kindergärten. So sind Aktivitäten wie die "Ernährungserziehungsprogramme im Kindergarten" des Ministeriums für ländlichen Raum Baden-Württemberg (1998), die nun bereits auf mehr als 20 Jahre zurückblicken können, sehr wichtig. Diese guten Erfahrungen sollten intensiver und flächendeckender verbreitet werden.

Die Ernährungsempfehlungen für Kleinkinder sind durch das Forschungsinstitut für Kinderernährung gut und praxisnah beschrieben (aid 1997a).

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[siehe auch: Auswirkungen der Ernährungs- und Gesundheitssituation von Kleinkindern]

Quellen

  • aid (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten): Das beste Essen für mein Kind - Die optimierte Mischkost, aid (Hrsg.), Bonn, 1997a

  • aid (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten): Eß- und Trinkgeschichten in der Sendung mit der Maus, Video aid (Hrsg.), Bonn, 1997b

  • aid (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten): Gesund essen und trinken in Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Schulen. 40 S aid (Hrsg.), Bonn, 1999

  • Alexy U., Kersting M.: Was Kinder essen - und was sie essen sollten. Die DONALD-Studie und die Ernährungskonzepte des FKE. Hans Marseille Verlag GmbH, München 1999

  • Bergmann J.: Ein sinnvolles Vorhaben mit etlichen Fallstricken. Zum Vorschlag der Kommission für eine Nahrungsergänzungs-Richtlinie. Zeitschrift für das Gesamte Lebensmittelrecht 5, 653-670, 2000

  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.): Ernährungsbericht 2000. Frankfurt 2000

  • Diehl J. M.: Motivation zu gesunder Ernährung. Aid Verbraucherdienst 45 (5), 442-449, 2000

  • Fischer K.: Analyse der Ernährungssituation in Bayern auf der Grundlage der Nationalen Verzehrsstudie (1985-1989) und der Bayerischen Verzehrsstudie (1995), 391 S Studien zur Haushaltsökonomie Band 20 Peter Lang, Frankfurt/M. 1999

  • FKE (Forschungsinstitut für Kinderernährung) (Hrsg.): Derzeitiges Angebot von Kinderlebensmittel auf dem Lebensmittelmarkt. DGE-Info 9, 131-133, 1997

  • Harrus-Revidi G.: Die Kunst des Genießens. Esskultur und Lebenslust. Artemis & Winkler Düsseldorf 1996

  • Heyer A.: Ernährungsversorgung von Kindern in der Familie. Verlag Hans Jacob, Paderborn 1997

  • Kersting M., Chahda C., Schöch G.: Sind Kinderlebensmittel sinnvoll? Kinderärztliche Praxis 69, 198-203, 1998

  • Mensink G.B.M.: Persönliche Mitteilung, 2000

  • Mensink G.B.M., Thamm M., Haas K.: Die Ernährung in Deutschland 1998. Das Gesundheitswesen 61 (Sonderheft 2), S200-206, 1999

  • Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Baden-Württemberg (Hrsg.): Ernährungserziehung bei Kindern. Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Baden-Württemberg, 4. Aufl., Stuttgart 1998

  • N.N. Angereicherte Lebensmittel. Außer Kontrolle. Test 2, 77-80, 1998

  • Verbraucher Zentralen, AgV (Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher Verbände e.V. (Hrsg.): Marktuntersuchung "Nährstoffanreicherung von Milchprodukten". Interne Publikation, 1996

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