Forschungslandschaft
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Bericht zum Stand der
"Ermittlung der Aktivitäten zum Forschungsbereich
Ernährungsverhalten"
Erika Claupein, Kristina Nebel und Ulrich Oltersdorf
Institut für Ernährungsökonomie und -soziologie
der Bundesforschungsanstalt für Ernährung
Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung hängen eng mit der
Ernährung zusammen. Wie in allen westlichen Industrieländern
werden auch in Deutschland ernährungsbedingte Problemlagen hauptsächlich
durch ein problematisches Ernährungsverhalten verursacht. Insofern
nimmt die Verhaltensforschung eine wichtige Schlüsselposition im Rahmen
der Ernährungsforschung ein. Es ist daher für Forscher und Politiker
wichtig und für Ausbildungs- und Beratungskräfte sicher nicht
uninteressant zu erfahren, welche Institutionen in welchem Bereich der
Ernährungsverhaltensforschung tätig sind. So wurde bereits 1977
von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung eine "Untersuchung
über Aktivitäten in der Bundesrepublik Deutschland im Bereich
der Erforschung des Ernährungsverhaltens der Bevölkerung" vorgenommen.
Im Sommer 1999 wurde diese Untersuchung mit genau demselben Forschungsdesign
wiederholt, um nicht nur Aussagen zur Situation sondern auch zur Entwicklung
der Ernährungsverhaltensforschung machen zu können, und dies
sowohl im Hinblick auf die Präsenz bestimmter Themen und Gebiete als
auch auf feststellbare Forschungslücken.
Damit diese Ergebnisse einem möglichst breiten Interessentenkreis
zugänglich sind, haben wir diesollen die Informationen (in Zusammenarbeit
mit dem Zentrum für Umfragen,
Methoden und Analysen (ZUMA), Mannheim) hier im Internet ververöffentlicht.
Eswerden und es ist unser Wunsch, damit zur Etablierung von eines Forschungsnetzwerkens
im Bereich der Ernährungsverhaltensforschung beizutragen.
Bereits 1977 basierte der Aufbau des Fragebogens auf der Erkenntnis, dass
Ernährungsverhalten zwar stark von biologischen und physiologischen
Bedürfnissen des Menschen beeinflusst wird, dass aber soziologische,
psychologische, sowie sozioökonomische sowie kulturelle Determinanten
ebenso eine wichtige Rolle spielen. In unserer heutigen Wohlstands- und
Erlebnisgesellschaft, in der die individuelle und vielgestaltige Lebensführung
so wichtig geworden ist, dürften diese Faktoren an Bedeutung gewonnen haben
noch wichtiger geworden sein.
Was, wann, wo, wieviel und mit wem gegessen wird ist Bestandteil des
Ernährungs- und Lebensstils und bestimmt somit das Sein und Selbstbewußtsein
der Menschen ganz entscheidend mit. Ernährungsverhalten als Teil des
Konsumverhaltens differenziert sich jenseits der herkömmlichen sozioökonomischen
Merkmale immer weiter aus. Ernährung birgt wie Mode und Freizeitgestaltung
ein
großes und bedeutsames Inzenierungspotential.
Um einen Überblick über Stand und Entwicklung der Ernährungsverhaltensforschung
zu bekommen, haben wir uns jedoch entschlossen, auf den relativ einfachen
Fragebogen von 1977 in seiner Grobstruktur zurückzugreifen und auch
in der Darstellung die Gliederung in die vier Hauptbereiche Ökonomie,
sozialkulturelle und psychologische sowie medizinische und physiologische
Determinanten und Verbraucherarbeit zu übernehmen. Die Untergruppen
wurden, dem Trend zur Spezialisierung folgend entsprechend ausdifferenziert
und ergänzt. Demzufolge haben wir die gemeldeten Projekte folgenden
Bereichen zugeordnet:
1. Ökonomie
1.1. Ernährungs- und Kostformen
1.2. Verzehrsmengen
1.3. Absatz- und Verbraucherprobleme des Lebensmittelmarktes
1.4. Globale Ernährungssituation und Entwicklungsländerproblematik
2. Sozialkulturelle und psychologische Determinanten
2.1. Soziale und kulturelle Determinanten (allgemein)
2.1.1. Kinder und Jugendliche
2.1.2. Ältere Menschen
2.1.3. Spezielle Gruppen (Berufsgruppen, Häftlinge)
2.1.4. Obdachlose, Arme
2.1.5. Ethnien
2.2. Psychologische Determinanten
2.3. Methodik
3. medizinische und physiologische Determinanten
3.1. Gesunderhaltung, Leistungserhaltung, Leistungssteigerung
3.2. Ernährungsepidemiologie, Public Health
3.3. Ernährungskrankheiten: Ursachen, Therapien
4. Verbraucherarbeit (Aufklärung, Bildung, Information, Beratung,
Erziehung)
5. Sonstiges
Ebenso wie 1977 wurde nach Projekten im Bereich der Ernährungsverhaltensforschung
gefragt, deren Ausarbeitung und Planung nicht länger als fünf
Jahre zurück- beziehungsweise vorauslag.
Die Adressen der potentiell in Frage kommenden Institute wurden weitgehend
in unserem Hause ermittelt. Ziel war es, ein möglichst breites Spektrum
des Forschungsbereichs "Ernährungsverhalten" zu erfassen, um auch
Randbereiche einbeziehen zu können. Daher hat sich die Zahl der angeschriebenen
Einrichtungen deutlich von 142 auf 624 erhöht. Für den Bereich
der Marktforschung haben wir auf den Adressenkatalog von ESOMAR (European
Society for Opinion and Marketing Research, Amsterdam) zurückgegriffen.
Insgesamt wurden knapp 1300 Institutionen angeschrieben,
959 haben geantwortet. Hiervon haben 273 Institutionen ein oder mehrere
laufende und/oder abgeschlossene Projekte benannt und beschrieben, 624
Aktivitäten wurden insgesamt gemeldet. Die Rücklaufquote lag
insgesamt bei 75 % (vgl. Tab. 1 und Tab.
2).
Erwartungsgemäß konzentrieren
sich die Forschungsaktivitäten zum Ernährungsverhalten auf den
Bereich der Hochschulen: 182 Institutionen von Hochschulen haben
mindestens ein Projekt gemeldet. Diese Institute Hochschulen sind in einem
breiten Spektrum unterschiedlicher Provenienzen beheimatet (vgl. Tab.3),
die mehrheitlich mit ihrer Fachrichtung multi-bzw. interdiszipinär
orientiert sind, beispielsweise sind dies haushalts- und ernährungswissenschaftliche
und geographische Institute (76 gemeldete Aktivitäten). Es folgen
eher sozialwissenschaftlich ausgerichtete Institute mit 42 gemeldeten Aktivitäten
sowieund eher medizinisch ausgerichtete Institute mit 33 Nennungen.
Mit weitem Abstand in der Zahl der benannten Forschungsaktivität
Einrichtungen folgen Marktforschungsinstitute und andere Forschungseinrichtungen.
Allerdings ist ein Rückschluß auf die tatsächliche Zahl
ihrer der ForschungsaAktivitäten kaum möglich, denn gerade die
Marktforschungsinstitute waren in ihrer Auskunftsfähigkeit und willigkeit
hinsichtlich Zahl und Art ihrer einschlägigen ForschungsaAktivitäten
sehr zurückhaltend, da sie weitgehend private Auftragsforschung durchführen,
deren Inhalt und Ergebnisse nicht für die breite Öffentlichkeit
bestimmt ist. Insofern war ihre Rückmeldung sehr unterschiedlich,
einige gaben lediglich an, dass sie in diesem Bereich tätig sind,
andere führten eine große Zahl von Projekten an, ohne diese
jedoch näher zu charakterisieren. Unsere Zahlen sind daher nur als
grober Annäherungswert zu verstehen.
Die Auswertung der Umfrage gestaltete sich hinsichtlich Zählung
und Zuordnung aus unterschiedlichen Gründen teilweise recht schwierig:
-
als schwierig erwies sich der Begriff "Forschungsaktivität", weil
die Art und Qualität sowie der Umfang der gemeldeten Projekte sehr
unterschiedlich ist. So haben beispielsweise Hochschulinstitute teilweise
sämtliche einschlägigen Diplomarbeiten und Lehrveranstaltungen
genannt, von Museen wurden Ausstellungen gemeldet, die sich mit dem Thema
Eßkultur auseinandersetzten. Die Breite des Begriffs ermöglichte
jedoch, eine bunte Vielfalt von Aktivitäten rund um das Ernährungsverhalten
erfassen zu können.
-
als schwierig erwies sich die unkoordinierte Meldung von Forschungsprojekten,
die im Rahmen eines Forschungsverbunds durchgeführt wurden, denn häufig
war dann die Struktur und der Zusammenhang der Teilprojekte nicht zu erkennen.
-
als schwierig erwies sich die Rückmeldung dann, wenn nicht erkennbar
war, welche Rolle und Funktion die entsprechenden Institutionen spielten
(Auftraggeber/Auftragnehmer).
-
als schwierig erwies sich die bereits erwähnte Befragung von Marktforschungsinstituten
dann, wenn es sich um private Auftragsforschung handelte.
-
als schwierig erwies sich die Zuordnung der Projekte und Forschungsbereiche
zum einen dann, wenn spärliche oder fehlerhafte Informationen gegeben
wurden und zum andern, wenn die Aktivitäten mehrdimensional angelegt
waren. Darüber hinaus ist die Zuordnung in ein Raster oftmals eine
Ermessensfrage und daher stark subjektiv geprägt.
Die Nennung der Schwierigkeiten soll den tendenziellen Charakter unserer
Tabellen verdeutlichen, sie soll nicht die Umfrage in Frage stellen. Es
wurde nicht versucht durch detaillierte Betrachtung der erhaltenen Informationen
und unter gegebenenfalls notwendigen ergänzenden Rückfragen,
ein quantitativ differenziertes Bild zur aktuellen Forschungslandschaft
"Ernährungsverhaltensforschung in Deutschland" zu erstellen. Durch
die folgende eher kursorisch, qualitative Beschreibung soll vielmehr ein
Zukunftsziel unserer Bemühungen erleichtert werden. Die Erhebung
von Aktivitäten im Forschungsbereich Ernährungsverhalten bietet
eine Fülle von Informationen, die den Grundstein für ein Forschungsnetzwerk
bilden können. Es ist geplant, dass Interessierte im Internet selbst
mit diesen Informationen arbeiten können. Die notwendigen Schritte
dazu sind hiermit eingeleitet worden. Sie können selbst
nach Adressen und Projekten suchen.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz hat die Zuordnung
der gemeldeten Aktivitäten zu den verschiedenen Forschungsrichtungen
ergeben (vgl.Tab. 4), dass die Mehrzahl der Aktivitäten
(39%) soziokulturelle und psychische Fragestellungen aufweist. Mit jeweils
26% folgen ökonomische und medizinische Themen. Der Bereich der Verbraucherarbeit
ist mit lediglich 8% und sonstige Aktivitäten mit 1% vertreten. Bei
sieben Nennungen konnte keine Zuordnung zu einem der genannten Bereichen
vorgenommen werden. Diese Aktivitäten sind nicht primär auf die
Thematik des Ernährungsverhaltens konzentriert und sie sind in eine
Restkategorie "Sonstige" verwiesen worden.
Um ein differenzierteres Bild zu erhalten, wurden
die drei größten Gruppen noch einmal untergliedert. Dies geschah
weitgehend in Anlehnung an die Auswertung von 1977, teilweise erschien
es jedoch angebracht, weitere Untergruppen zu bilden (vgl. Tab.
4).
Im folgenden werden die Ergebnisse für die einzelnen Forschungsbereiche
kurz zusammengefasst:
1. Bereich: Ökonomie
Dem Forschungsbereich Ökonomie sind 26% der gemeldeten Aktivitäten
zugeordnet worden. Der Schwerpunkt liegt mit 15% bei Forschungsaktivitäten
zu "Absatz- und Verbraucherproblemen des Lebensmittelhandels". Hier sind
insbesondere die Mehrzahl der Marktforschungsinstitute, aber auch einige
Hochschulinstitute tätig. Der Anteil der Forschungsprojekte zu "Ernährungs-
und Kostformen" beträgt 8%. Insgesamt 11 (2%) Studien zu "Verzehrsmengen"
und vier Studien zur "globalen Ernährungssituation und Entwicklungsländer"
sind genannt worden (vgl. Tab. 4).
1.1. Ernährungs- und Kostformen (Sensorik)
Die Frage nach Ernährungsweisen, Eßgewohnheiten, Nahrungsmittelzusammenstellung,
Entwicklung von Speiseplänen sowie sensorische Fragestellungen sind
bedeutsam für die Verpflegungssituation der Bevölkerung, sie
liefern u.a. wertvolle Hinweise für die Problematik der Fehlernährung.
Die hier zugeordneten Aktivitäten weisen ein breites Spektrum auf,
das von der historisch angelegten Untersuchung der Mahlzeitenzusammensetzung,
-zubereitung und struktur bis zu aktuellen Untersuchungen moderner Ernährungsweisen
und Lebensstilen reicht. Hierzu zählen beispielsweise auch die Untersuchung
der Verpflegungssituation bestimmter Gruppen durch Gemeinschaftsverpflegungseinrichtungen
wie Vollzugsanstalten, Kindertagesstätten oder die Pausenverpflegung
von Schülern. Auch regionale Untersuchungen wie die bayerische Verzehrsstudie,
sowie die Analyse verschiedener Kostformen (Roh- und Vollwertkost) sind
hier eingruppiert. Der Anteil der gemeldeten Aktivitäten in diesem
Bereich hat sich im Vergleich zu 1977 nicht verändert.
1.2. Verzehrsmengen
Die Thematik der Verzehrsmengen umfasst den Verbrauch von Lebensmitteln
und die Versorgung der Bevölkerung mit Nährstoffen. Das Untersuchungsdesign
ist bei diesen Studien in der Regel weniger komplex angelegt als bei den
Studien zu Ernährungs- und Kostformen. Hier werden Fragestellungen
wie die Zufuhr von Vitaminen- und Nahrungsergänzungspräparaten
oder der Fleischkonsum bestimmter Bevölkerungsgruppen oder auch die
private Nachfrage nach Lebensmitteln im Transformationsprozess Mitteleuropas
untersucht. Im Vergleich zu 1977 ist der Anteil der genannten Projekte
in diesem Bereich von 18% auf 2% gesunken. Der Rückgang mag durchaus
auch methodische Gründe haben, deutet darüber hinaus jedoch auf
einen Bedeutungsverlust dieser Thematik hin.
1.3. Absatz- und Verbrauchsprobleme des Lebensmittelmarktes
Die Auskunftsfreudigkeit war im Bereich der Absatz- und Verbrauchsprobleme
des Lebensmittelmarktes recht gering, da die hier dominierenden Marktforschungsinstitute
nahezu ausschließlich Auftragsforschung betreiben. In der Mehrzahl
der Fälle handelte es sich dabei entweder um die Erforschung von Absatzmöglichkeiten
von bekannten und neuen Produkten (Fleisch, jodiertes Speisesalz, functional
food, hochdrucksterilisierten Fruchtsäften) sowie Dienstleistungen
(neuartige Einkaufsmöglichkeiten) oder um die Ermittlung der Einstellung
und Akzeptanz bestimmter Bevölkerungsgruppen zu diesen Produkten oder
Dienstleistungen.
Der Anteil dieses Forschungsbereichs lag bei 15%, er war somit im Vergleich
zu 1977 rückläufig. Allerdings ist die Zählung der gemeldeten
Aktivitäten
gerade in diesem Bereich aufgrund der zurückhaltenden Antworten als
äußerst problematisch anzusehen.
1.4. Globale Ernährungssituation und Entwicklungsländer
Diesen Forschungsbereich haben wir als eigene Untergruppe neu in die Zählung
aufgenommen. Insgesamt sind 1999 vier Studien gemeldet worden, die sich
vorwiegend mit der Ernährungssicherheit verschiedener Länder
beschäftigen. 1977 waren allerdings auch zwei Studien bezüglich
Umweltgefahren und Welternährungsproblemen erfasst worden.
2. Bereich: Soziokulturelle und psychische Determinanten des Ernährungsverhaltens
Die Erforschung des Ernährungsverhaltens in seinen
soziokulturellen und psychischen Dimensionen bildete in der Befragung von
1999 mit knapp 40% den Schwerpunkt aller gemeldeten Forschungsaktivitäten,
1977 waren noch die ökonomischen Dimensionen vorherrschend (vgl. Tab.
5). Bereits 1977 wurde dieser sozialwissenschaftlich orientierte Bereich
in die drei Untergruppen soziale Determinanten, psychische Determinanten
und Methodik unterteilt, kulturelle Aspekte wurden nicht extra benannt.
Schon damals gestaltete sich die Zuordnung der genannten Aktivitäten
schwierig. Da wir 1999 einen größeren Stichprobenumfang insgesamt
und einen größeren Anteil in diesem Bereich hatten, hielten
wir eine weitere Ausdifferenzierung für angemessen. Um jedoch die
Systematik von 1977 nicht grundsätzlich zu verändern, wurden
lediglich die sozialen durch die kulturellen Dimensionen ergänzt und
eine Aufteilung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vorgenommen.
Dadurch wurde die Zuordnungsproblematik allerdings nicht geringer.
2.1. Soziale und kulturelle Determinanten (allgemein)
Die Untergruppe der sozialen und kulturellen Determinanten versammelt alle
gemeldeten Aktivitäten, die eher sozialwissenschaftlich orientiert
und nicht auf eine spezielle Bevölkerungsgruppe bezogen sind. Die
beiden dominanten Themenbereiche sind Kulturgeschichte und Ernährungsverhalten.
Die kulturgeschichtlich orientierten Studien beziehen sich dabei einerseits
auf Tischkultur und Tischsitten, andererseits auf Lebensmittel und ihre
Herstellung und Verarbeitung. Die Studien zum Ernährungsverhalten
weisen eine große Bandbreite auf: Es wurden sozioökonomische,
soziokulturelle und biokulturelle Themen genannt. Ein großes Gewicht
hatten dabei Eß- und Kochgewohnheiten und Ernährungsstile sowie
"Geschmacks-Fragen".
2.1.1. 2.1.5. Soziale und kulturelle Determinanten des Ernährungsverhaltens
spezieller Personengruppen
Werden die Forschungsaktivitäten auf bestimmte Personengruppen bezogen,
sind die bearbeiteten Fragestellungen meist enger gefaßt und konkreter.
Häufig unterscheiden sie sich dann auch weniger in der Fragestellung
als in der Bezugsgruppenwahl. So werden zum Beispiel bei den Kindern und
Jugendlichen das Ernährungsverhalten und die Schulverpflegung untersucht,
der Unterschied zu Studien bei älteren Menschen liegt häufig
lediglich in der Form der Gemeinschaftsverpflegung.
Nicht nur das Alter, sondern auch die Art der Berufstätigkeit kann
das Ernährungsverhalten beeinflussen. In unserer Befragung gab es
daher Untersuchungen über Personengruppen, die eine schwierige Ernährungssituation
zu bewältigen haben. Es sind dies insbesondere die Schichtdienstleistenden,
seien es die Nachtschichtarbeiter oder die Straßenbahn- und Busfahrer
und fahrerinnen. Auch die spezifische Situation berufstätiger Frauen
wurde untersucht.
Prekär kann häufig auch die Ernährungssituation von Familien
und Haushalten mit niedrigem Einkommen, von Obdachlosen und anderen sozialen
Randgruppen sein. Auch hierzu gibt es einschlägige Studien.
Die Untergruppe "Ethnien" setzt sich wiederum aus recht unterschiedlichen
Studienprojekten zusammen: Sie reichen von eher allgemein orientierten
Hochschulseminaren zu nahrungsmittelethnologischen Studien, das sind Ethnologiestudien
am Beispiel von bestimmten Lebensmitteln (Reis) und beinhalten weiterhin
spezielle Untersuchungen wie die Nahrungsmittelsituation bei Pastoralisten
in Afrika. Im Vordergrund stehen Studien zu Konsumgewohnheiten und deren
Veränderungen in verschiedenen Ländern.
2.2. Psychologische Determinanten
In vielen Untersuchungen zum Ernähungsverhalten sind sowohl soziale
als auch psychische Fragestellungen eingeflossen, insbesondere dann, wenn
es um spezielle Personengruppen ging. In den Studien, die von uns der Untergruppe
"Psychologische Determinanten" zugeordnet wurden, stehen die psychischen
Dimensionen eindeutig im Vordergrund. Daher konzentrieren sich die hier
zugeordneten Studien stark auf die Untersuchung psychischer Einflussfaktoren
von Eßstörungen. Weitere Themen sind Einstellungs- und Motivationsforschungen
beispielsweise zum gesunden Leben beziehungsweise zur gesundheitsbewußten
Lebensführung.
2.3. Methodik
Unter der Rubrik "Methodik" zugeordneten Studien befassen sich mit methodischen
Problemen der Implementierung von Qualitätsstandards und mit der Gestaltung
von Erhebungsbögen sowie mit Evaluierungsfragen.
3. Bereich: Medizinische und physiologische Determinanten
Die 164 Studien mit medizinisch-physiologischem Fokus haben einen Anteil
von 26%, vor 22 Jahren lag der Anteil noch bei 12% (vgl. Tab. 5). Dieser
Anstieg um mehr als das Doppelte mag an der Zunahme ernährungsbedingter
Krankheiten liegen. Die Zahlen scheinen diese These zu betätigen,
denn immerhin 14% der gemeldeten Aktivitäten beziehen sich auf "Ernährungskrankheiten:
Ursachen und Therapien". Mit 7% folgen Studien zum neu eingeführten
Bereich "Ernährungsepidemiologie/Public Health" und mit 5% Studien
zur "Gesunderhaltung; Leistungserhaltung und steigerung".
3.1. Gesunderhaltung; Leistungserhaltung und steigerung
Die Thematik der Gesunderhaltung; Leistungserhaltung und steigerung umfasst
verschiedene Aktivitäten: Zum einen bildet die Untersuchung von Verpflegungsformen
im Hinblick auf den Gesundheitsaspekt einen Schwerpunkt. So werden beispielsweise
die Pausenverpflegung und die Schulmilch-Versorgung von Schulkindern untersucht,
aber auch die Verpflegungssituation in (sächsischen) Justizvollzugsanstalten.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden unterschiedlich gerichtete und organisierte
Gesundheitsaktionen.
3.2. Ernährungsepidemiologie/Public Health
Diese neu eingebrachte Untergruppe fasst alle statistischen Erhebungen
und Berichte im Spannungsfeld Ernährung-Gesundheit zusammen. Konkret
sind dies verschiedene regionale und überregionale Ernährungs-
und Gesundheitssurveys sowie anthropometrisch orientierte Studien.
3.3. Ernährungskrankheiten: Ursachen und Therapien
In diese Untergruppe wurden all jene Studien zugeordnet, die den Einfluß
der Ernährung auf bestimmte Krankheiten untersucht, sei es als Ursachenforschung,
sei es als Therapieforschung. Zu den untersuchten Krankheiten zählen Adipositas, Krebs, Bulimia
nervosa, Diabetes, aber auch Asthma und Pankreatitis
wurden genannt.
4. Bereich: Verbraucherarbeit
Der Bereich der Verbraucherarbeit umfaßt die klassischen Instrumente
Beratung, Information, Erziehung und Aufklärung. Der Anteil der gemeldeten
Aktivitäten liegt heute wie vor 22 Jahren bei 8% und ist damit
nach wie vor der Bereich, in dem die wenigsten Aktivitäten gemeldet
wurden. Hier wirken sich sicherlich u.a. die Mittelkürzungen im Bereich
der Verbraucherpolitik und im Bereich der Gesundheitsprävention negativ
aus. Gemeldet wurden sowohl methodisch als auch inhaltlich orientierte
Projekte. Methodische Fragestellungen waren beispielsweise die Qualitätssicherung
der Ernährungsberatung, die Entwicklung von Modellen zur Informationsverarbeitung
oder von Schulungskonzepten.
Inhaltlich ausgerichtete Arbeiten des Bereichs Verbraucheraufklärung
konzentrieren sich hauptsächlich auf aktuelle Themen wie Lebensmittelskandale
und Gentechnik, im Bereich der Erziehung die Ernährungserziehung von
Kindern, im Bereich Weiterbildung Schulungsprogramme bei bestimmten ernährungsbedingten
Krankheiten.
5. Bereich: Sonstige
Wenn die Zuordnung der gemeldeten Aktivitäten zu den genannten Bereichen
gar nicht gelingen wollte, wurden sie in die Restkategorie "Sonstige" verwiesen.
Diese Aktivitäten sind nicht primär auf die Thematik des Ernährungsverhaltens
konzentriert.
4. Fazit und Ausblick
Obwohl versucht wurde an die erste Erhebung dieser Art aus dem Jahr 1977
anzuknüpfen, kann keine eindeutige Antwort darauf gegeben werden,
wie sich die Aktivitäten im Forschungsbereich Ernährungsverhalten
in bezug auf heute, 1999, entwickelt haben. Das "Aktivitätsgebiet"
ist 1999 grösser, nicht nur dadurch dass Deutschland wieder vereinigt
ist, sondern dass Ernährungsverhalten in mehr Fachdisziplinen wahrgenommen
wurde.
Vordergründig zeigt die Betrachtung, es gibt heute deutlich mehr
Aktivitäten. Bezogen auf die Ernährungsproblematik in unserer
Gesellschaft fällt jedoch auf, dass wohl die Beachtung der Verhaltensaspekte
von ernährungsabhängigen Erkrankungen zugenommen hat; auch die
Untersuchung von psychosozialen, aber auch medizinisch-physiologischer
Determinaten, dass aber die Aspekte der Prävention bzw. der Determinanten
des "normalen" Ernährungsverhaltens und der Verbraucherarbeit bestenfalls
stagnieren.
Das weite Feld der Ernährungsverhaltensforschung wird an erfreulich
vielen Stellen bearbeitet. Die Schwachpunkte oder "Forschungslücken"
sind aber ebenso sichtbar. Wir wissen dass viele methodische Grundlagenforschung
notwendig wäre, diese ist nur marginal vertreten. Ebenso sind entsprechend
ihrer Bedeutung für die Erreichung von Ernährungszielen einer
Gesellschaft notwendigen Bereiche, wie "Public Health Nutrition" und Evaluierung
unterrepräsentiert. Die Hinweise könnten in viele Richtungen
erweitert werden, wie mangelnde Beachtung der Ernährungsverhaltensprobleme
bei solchen Gruppen wie ältere Menschen, Behinderte und sozial-benachteiligte.
Auffallend ist auch die "Vereinzelung" der viele Perlen von Ernährungsverhaltensforschung.
Durch unsere Bemühungen die aktuelle deutsche Forschungslandschaft
im Bereich Ernährungsverhalten darzustellen, möchten wir die
Beteiligten dazu aufrufen, das vorhandene zu aktivieren, zu "Perlenketten"
und "Netzen" zu verknüpfen.
Mit dem nun vorhandenen Zugang zu den Grundinformationen dieser Erhebung
im Internet, sind die an Ernährungsverhaltensforschung Interessierten
aufgerufen noch aktiver zu werden.
Das Material sollte gepflegt werden d.h. die Projekt-Informationen
sollten regelmässig (alle 6-12 Monate) ergänzt (upgedated) werden.
Wer noch nicht im "Netz" ist sollte sich anmelden.
Jeder Forscher kann sich nach ähnlichen Projekten umsehen und Kontakte
herstellen und knüpfen. Jeder Forscher kann sehen, wo es "Lücken"
gibt.
Bei diesen Bemühungen wollen wir die Initiatoren auch weiterhin
unterstützend tätig sein. Wir fordern alle zur konstruktiven
Mitarbeit auf.
Tabellenanhang
Tabelle 1: Aufgliederung der befragten Institutionen zu Aktivitäten
im Forschungsbereich Ernährungsverhalten
| |
befragt
|
Rücklauf
|
davon mit aktuellen Aktivitäten
|
|
abs.
|
%
|
abs.
|
%
|
abs.
|
%
|
| Marktforschung |
137
|
11
|
102
|
74
|
41
|
40
|
| Stiftungen |
3
|
0
|
3
|
100
|
3
|
100
|
| Krankenkassen |
11
|
1
|
10
|
91
|
3
|
30
|
| Ministerien |
21
|
2
|
16
|
76
|
4
|
25
|
| Forschungsinstitute |
83
|
6
|
62
|
75
|
26
|
42
|
| Hochschulen |
966
|
76
|
736
|
76
|
182
|
25
|
| Sonstige |
57
|
4
|
30
|
53
|
14
|
47
|
| Summe |
1278
|
100
|
959
|
75
|
273
|
28
|
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Tabelle 2: Befragung zu Aktivitäten
im Forschungsbereich Ernährungsverhalten nach allen Institutionen
sowie Hochschul- und Marktforschungsinstitute
| |
alle Institutionen
|
davon Hochschulen
|
davon Marktforschung (ESOMAR)
|
| Insgesamt befragt |
1278
|
966
|
137
|
| Rücklaufquote |
75
|
76
|
74
|
Davon mit
Projekten absolut |
273
|
182
|
41
|
| % |
28
|
25
|
40
|
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Tabelle 3: Aufgliederung der befragten Hochschulen
nach Fachrichtungen
|
Fachrichtung
|
Befragung
|
davon mit aktuellen Aktivitäten
|
|
befragt
|
Rücklauf
|
Ja
|
|
abs.
|
%
|
abs.
|
%
|
abs.
|
%
|
| medizinisch |
126
|
13
|
91
|
72
|
33
|
36
|
| sozialwissenschaftlich |
273
|
28
|
202
|
74
|
42
|
21
|
| naturwissenschaftlich |
47
|
5
|
36
|
77
|
8
|
22
|
| psychologisch |
178
|
19
|
133
|
75
|
19
|
14
|
| multidisziplinär |
292
|
30
|
231
|
79
|
76
|
33
|
| sonstige |
50
|
5
|
43
|
86
|
4
|
9
|
| Summe |
966
|
100
|
736
|
76
|
182
|
25
|
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Tabelle 4: Anzahl der genannten Aktivitäten
und ihre Zuordnung auf Forschungsbereiche
|
Forschungsbereich
|
Aktivitäten
|
| |
|
absolut
|
%
|
|
1.
|
Ökonomie insgesamt |
162
|
26
|
| |
Davon: |
|
|
|
1.1
|
Ernährungs- und Kostenformen/Sensorik |
51
|
8
|
|
1.2
|
Verzehrsmengen |
11
|
2
|
|
1.3
|
Absatz- und Verbrauchsprobleme
des Lebensmittelmarktes |
96
|
15
|
|
1.4
|
Globale Ernährungssituation
und Entwicklungsländer |
4
|
1
|
|
2.
|
Sozialkulturelle und psychische
Determinanten insgesamt |
243
|
39
|
| |
Davon: |
|
|
|
2.1
|
Soziale und kulturelle Determinanten
(allgemein) |
98
|
16
|
|
2.1.1
|
Kinder / Jugendliche |
43
|
7
|
|
2.1.2
|
Ältere Menschen |
18
|
3
|
|
2.1.3
|
Berufsgruppen |
12
|
2
|
|
2.1.4
|
Obdachlose / Arme |
9
|
2
|
|
2.1.5
|
Ethnien |
27
|
4
|
|
2.2
|
Psychische Determinanten |
21
|
3
|
|
2.3
|
Methodik |
15
|
2
|
|
3.
|
Medizinische und physische
Determinanten insgesamt |
164
|
26
|
| |
Davon: |
|
|
|
3.1
|
Gesunderhaltung, Leistungserhaltung,
-steigerung |
33
|
5
|
|
3.2
|
Ernährungsepidemiologien
/ Public Health |
44
|
7
|
|
3.3
|
Ernährungskrankheiten: Ursachen,
Therapien |
87
|
14
|
|
4.
|
Verbraucherarbeit (Aufklärung,
Information, Beratung, Erziehung) |
48
|
8
|
|
5.
|
Sonstiges |
7
|
1
|
|
Gesamtsumme
|
624
|
100
|
zurück zur Textstelle
Tabelle 5: Anzahl der genannten
Aktivitäten und ihre Zuordnung auf Forschungsbereiche 1977 und 1999
|
Forschungsbereich
|
1977
|
1999
|
|
absolut
|
%
|
absolut
|
%
|
|
1.
|
Ökonomische Determinanten |
79
|
56
|
162
|
26
|
|
2.
|
Soziale und psychologische Determinanten |
34
|
24
|
243
|
39
|
|
3.
|
Medizinische und physiologische
Determinanten |
17
|
12
|
164
|
26
|
|
4.
|
Verbraucherarbeit |
12
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8
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48
|
8
|
|
5.
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Sonstiges |
-
|
-
|
7
|
1
|
|
Gesamtsumme
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142
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100
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624
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100
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